Romane

Kafka lässt grüßen: Philippe Claudels "Die Untersuchung"

Ein namenloser Ermittler, eine namenlose Stadt, eine namenlose Firma. In seinem neuen Roman schildert Philippe Claudel eine anonyme, alptraumhafte Welt.

"Die grauen Seelen" hieß der Roman, mit dem der französische Autor Philippe Claudel 2004 auch in Deutschland schlagartig bekannt wurde. Vor dem Hintergrund des großen Schlachtens im Ersten Weltkrieg erzählte Claudel darin den mysteriösen Mord an einem Mädchen in einem lothringischen Dorf. Auch in seinem zweiten großen Roman "Brodecks Bericht" ging es um einen Mord in einer geschlossenen Dorfgemeinschaft, diesmal an einem Fremden. In beiden Geschichten erwies sich Claudel als ein Meister des psychologisch-kriminalistischen Romans. Eine düstere, unergründliche Spannung ist diesen Büchern zu Eigen, der sich der Leser schwer entziehen kann.

"Die Untersuchung" dagegen ist definitiv kein Kriminalroman. Eher schon erinnert das neueste Buch Claudels an eine düstere Parabel Franz Kafkas. Auf den ersten Blick scheint sich Claudel dabei an einen konkreten Fall zu orientieren, der Frankreich 2009 erschütterte. Damals geriet die France Télécom durch eine Serie von Selbstmorden unter ihren Mitarbeitern in die Schlagzeilen. Am Ende sah sich der Konzernchef zum Rücktritt gezwungen. Auch in Claudels Roman geht es um einen mächtigen Konzern, in dem sich auffallend viele Angestellte das Leben genommen haben.

Ein Ermittler soll diese Todesfälle aufklären. Mitten im Winter trifft er in der ihm unbekannten Stadt ein. Dort scheint sich alles gegen ihn verschworen zu haben. Er wird von dichtem Schneefall empfangen, findet in den menschenleeren Straßen kein Taxi und zunächst auch kein Hotel.

Die Stimmung ist von Beginn an bedrückend, doch zunächst noch einigermaßen realistisch. Je weiter die Handlung jedoch fortschreitet, umso surrealer wird das Ganze. Nach entnervender Suche entdeckt der Ermittler, dessen Namen wir im Verlauf der gesamten Geschichte übrigens nie erfahren, doch noch ein Hotel. Dort scheint es allerdings nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Obwohl als Luxushotel klassiert, ist der Service und die Ausstattung mehr als kläglich. So bekommt der Ermittler zum Frühstück nur trockenen Zwieback. Er wird außerdem dazu gezwungen, die Hausordnung auswendig zu lernen. Ein Psychopath, der sich als Polizist ausgibt, will ihn wegen eines zerrissenen Handtuchs auf der Hoteltoilette festnehmen.

Auch die Firma, in der der arme Mann ermitteln soll, erweist sich als ein einziger Alptraum: "Die ganze Stadt schien einzig und allein aus der Firma zu bestehen, als hätte sich diese immer weiter ausgebreitet, hätte sich durch nichts bremsen lassen, ihre Grenzen überschritten, die Umgebung verschluckt und sich einverleibt, bis in ihrem Innern alles miteinander verschmolz." Der Ermittler wird eingeschüchtert, klein gemacht, zu einer mitleiderregenden Gestalt entwürdigt.

Ihm wird klar, dass er als Individuum nicht zählt in dieser anonymisierten, von seelenlosen Großkonzernen bestimmten und dirigierten Welt: "Er, dem schon seit langem bewusst war, dass er nur einen winzigen Platz in der Welt und in der Gesellschaft einnahm, entdeckte angesichts der Maßlosigkeit der Firma eine weitere Form von Unbehagen, die der Anonymität. Zu der Erkenntnis, dass er ein Nichts war, trat plötzlich die Erkenntnis, dass er ein Niemand war."

Es überrascht dann auch nicht weiter, dass die Untersuchungen des Ermittlers in der Firma völlig ins Leere laufen, er mehr und mehr von der Absurdität und dem Aberwitz der Ereignisse überrollt wird. Alle bekannten Maßstäbe und Regeln scheinen über den Haufen geworfen. Der Mensch ist nur noch ein Rädchen, eine "vernachlässigbare Größe, eine untergeordnete Spezies".

Wen das alles an Kafka erinnert, der liegt ganz richtig. Wesentlich neue Erkenntnisse als der Klassiker hat Claudel allerdings nicht zu bieten. Nach der Hälfte des Romans scheint sich alles wie in einem Perpetuum mobile nur noch zu wiederholen. Die Welt, die Claudel schildert, ist seelenlos, herzlos, unmenschlich, rein funktional. Wen wundert es da, dass auch beim Leser keine Gefühle aufkommen wollen.

Sibylle Peine, dpa
23.04.2012

 
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Das Buch:

Philippe Claudel:
Die Untersuchung. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger

Bild: Buchcover Philippe Claudel, Die Untersuchung

Reinbek: Kindler Verlag 2012
224 S., € 18,95
ISBN: 978-3-463-40617-6

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