Romane

Drei sind eine zu viel

München zu Beginn der Neunziger Jahre: Das Pfälzer Landei Ulrike Becker, genannt Uli, verlässt ihre Heimat und geht nach München zum Studieren. Die schwierige Situation auf dem dortigen Wohnungsmarkt führt sie schließlich mit Johanna Sedlacek, genannt Jo, in einer Wohngemeinschaft im Stadtteil Sendling zusammen. Im Nachbarhaus wohnt Sascha, der sich in Jo verguckt hat, die ihn aber auf Distanz hält. Dafür malt sich die in Liebesdingen unerfahrene Uli in ihren Phantasien eine romantische Zukunft mit Sascha aus und geht diesbezüglich in die Offensive.

Verena Carl lässt mit ihrem neuesten Roman die Neunziger Jahre sowie die Gefühle und Herausforderungen der Heranwachsenden im studentischen Milieu wieder aufleben. Die Autorin, Jahrgang 1969, weiß, wovon sie schreibt, denn geboren in Freiburg, begab sie sich 1990 nach München, studierte dort und blieb bis 1999, was exakt der gleichen Zeitspanne entspricht, die vom vorliegenden Roman abgedeckt wird. Als erfolgreiche Journalistin kennt Carl natürlich auch die Probleme und Nöte von Praktikantinnen und solchen, die in diesem Metier Fuß fassen möchten, also die tagtäglichen Herausforderungen und Gemeinheiten, denen sich Uli und Jo in "Wer reinkommt, ist drin" stellen müssen.

Der vorliegende Roman schaut vom Cover her aus, als ob er seinen Absatz in den Drehregalen von Tankstellen inmitten schnulziger Ärzte-Romane anstrebe. Auf weißem Hintergrund stechen dem Betrachter verträumte Scherenschnitte der drei Protagonisten ins Auge, dazu noch ein wenig Lila in der krakeligen Schrift und ein paar Bleistiftzeichnungen, die München und unerfüllte Liebe symbolisieren sollen. Doch überrascht Carls Buch entgegen dieser verträumten Kleinmädchen-Darstellung auf der äußeren Hülle innendrin mit einer ordentlichen Portion Dynamik und Spritzigkeit, die das vorliegende Buch nach anfänglichen Durchhängern zu einem richtigen Lesevergnügen machen. Umso erstaunlicher ist es, dass der herausgebende Verlag das in der ursprünglichen Vorschau geplante Cover, das mit einem Blick aus der WG durch einen Tulpenvorhang auf den minimalistischen Balkon viel näher am eigentlichen Geschehen dran und deutlich gelungener war, letztlich ausgetauscht hat.

Wer sich die Vita von Verena Carl näher anschaut, wird entdecken, dass sich ihre eigene Zeit als Twen im vorliegenden Roman widerspiegelt und sie daher die geschilderten Gegebenheiten aus erster Hand berichtet, was der Authentizität des Buches förderlich ist und sich mehr als positiv niederschlägt. Inwieweit sich Verena Carl in den handelnden Charakteren widerspiegelt und wie viele der einzelnen Episoden selbst erlebt oder ihr aus zweiter Hand berichtet wurden, das bleibt natürlich offen und unterliegt der kreativen Freiheit eines Schriftstellers.

Die von der Autorin gewählte Erzählform mag zunächst manchen Leser überraschen, doch gewinnt ihr Buch dadurch an Charme und hebt sich von der Masse seichter Unterhaltung auf dem Beziehungssektor ab. Kapitelweise abwechselnd schildert Carl episodenhaft Begebenheiten aus Ulis und aus Jos Perspektive. Dabei enden die Kapitel meist mit einem leichten Cliffhanger, der jedoch im übernächsten Kapitel nicht unbedingt sofort wieder aufgegriffen, sondern eher indirekt fortgeführt wird. Die gegenläufigen Entwicklungen der beiden Protagonistinnen hinsichtlich ihrer Wünsche und Sehnsüchte sind von Carl glänzend dargestellt worden. Uli und Jo durchlaufen dabei Metamorphosen, die sie praktisch wechselseitig die Charaktere tauschen lassen.

Der von der Autorin für den vorliegenden Roman gewählte Titel klingt gut und passend, ist jedoch nicht neu. Vielmehr hatte die erste Folge der Fernsehserie "Kir Royal" denselben Titel. Parallelen dazu sind mehr als gegeben, denn auch die Mitte der Achtziger Jahre ausgestrahlte Serie spielte in München und hatte mit Baby Schimmerlos alias Franz Xaver Kroetz einen Schreiberling im Mittelpunkt. Sollte die Autorin die Wahl ihres Buchtitels tatsächlich als Hommage auf diese großartige Serie der deutschen Fernsehgeschichte gewählt haben, dann ist ihr dafür vehement zu applaudieren.

"Wer reinkommt, ist drin" transportiert das Lebensgefühl Heranwachsender aus einer Zeit, die nur zwanzig Jahre zurückliegt, doch aus heutiger Sicht ewig weit entfernt scheint und so nicht mehr vorstellbar ist. Verena Carl karikiert glänzend die Schnittstelle zwischen der analogen Welt mit Schreibmaschine und Festnetztelefon und der heutigen digitalen Welt mit Internet und ständiger Erreichbarkeit, was einige Schmunzler beim Leser hervorrufen wird. Diejenigen Menschen, die bereits mit Handys aufgewachsen sind, werden hingegen Probleme damit haben, zu verstehen, warum ein Date mit Candlelight-Dinner aufgrund einer unangemeldeten Verspätung scheitern könne. Schließlich hätte man doch mit einer SMS kurz Bescheid geben können, oder?

Christoph Mahnel
27.02.2012

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Verena Carl:
Wer reinkommt, ist drin

Bild: Buchcover Verena Carl, Wer reinkommt, ist drin

Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2012
320 S., € 18,00
ISBN: 978-3-8479-0008-5

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.