Romane

Wieder eine Rabenmutter: Julia Francks "Rücken an Rücken"

Es ist das erste Buch nach ihrem Sensationserfolg "Die Mittagsfrau". Auch in ihrem neuen Roman "Rücken an Rücken" verarbeitet die Autorin wieder einen traumatischen Teil ihrer Familiengeschichte.

"Zärtlichkeit beunruhigte sie", heißt es in Julia Francks neuem Roman "Rücken an Rücken" über die Bildhauerin Käthe. Wärme und Leidenschaft strahlt die resolute Frau allenfalls bei ihrer Arbeit aus oder wenn sie sich für die sozialistische Gesellschaft engagiert. Ihren Kindern gegenüber hat sie dagegen ein Herz aus Stein: "Es gab keine Umarmungen, zu keiner Gelegenheit." Die beiden Ältesten, Ella und Thomas, erfahren an ihrer Seite nichts als Missachtung und Vernachlässigung, die beiden Jüngsten werden als lästige Kleinkinder praktischerweise gleich in ein Heim abgeschoben.

Wieder also einmal eine Rabenmutter. Schon in Julia Francks preisgekröntem Roman "Die Mittagsfrau" schilderte sie das Schicksal einer Mutter, die sich unverantwortlich gegenüber ihrem Kind verhält. Mitten auf der Flucht lässt sie ihren kleinen Sohn an einem Bahnhof allein zurück. Im Rückblick wird dann erklärt, wie es zu dieser Verhärtung kommen konnte. Und auch Käthes Panzer scheint einem schweren Schicksal geschuldet. Als Halbjüdin durfte sie im Dritten Reich nicht arbeiten. Ihre Mutter wurde jahrelang versteckt, der Vater verlor seinen Posten. Sie selbst konnte den geliebten Mann wegen der Rassegesetze nicht heiraten. Doch all diese Erklärungen machen Käthe nicht sympathischer. In einer Schlüsselszene zwingt sie die als Lebensmitteldiebin verdächtigte Ella dazu, ausgerechnet an deren Geburtstag pfundweise Zucker zu essen.

Solche fast sadistischen Ausbrüche erinnern an einen anderen im Jahr 2011 erschienenen Roman, der ebenfalls eine bedrückende Jugend in der DDR schildert: "Das Mädchen" von Angelika Klüssendorf. Nur dass jener Roman in der Unterschicht spielt, "Rücken an Rücken" dagegen in einer akademisch geprägten Künstlerfamilie. Doch Gefühlskälte war noch nie an eine gesellschaftliche Klasse gebunden.

Die Geschwister Ella und Thomas haben eine fast symbiotische Beziehung. "Rücken an Rücken" stehen sie die alltäglichen Schikanen und Demütigungen durch, flüchten sich in kindliche Traumwelten. Ella, die Ältere, ist zunächst die Stärkere, doch im Verlaufe des Romans kehrt sich das Verhältnis um. Das hübsche Mädchen wird nicht nur vom Stiefvater, sondern auch vom Untermieter, einem schmierigen Stasispitzel, vergewaltigt. Sie erleidet schwere Psychosen. Thomas schreibt Gedichte, mehr und mehr verachtet er das von seiner Mutter so vergötterte sozialistische System. Er träumt von einer Zukunft im Westen, möchte Journalist werden, doch Käthe hat andere Pläne mit ihm. Am Ende sieht er keinen Ausweg mehr.

Wie in "Die Mittagsfrau" verarbeitet Julia Franck auch in ihrem neuen Roman wieder ihre eigene Familiengeschichte. War das erste Buch an die Biografie ihres Vaters angelehnt, so greift "Rücken an Rücken" das Schicksal ihres Onkels mütterlicherseits, Gottlieb Friedrich Franck, auf. Von ihm stammen die im Roman verwendeten Gedichte. Gottlieb Friedrich Franck beging 1962 mit 18 Jahren Selbstmord, weil er nach dem Mauerbau an der DDR verzweifelte. Das Vorbild für Käthe ist Julia Francks 2009 verstorbene Großmutter Ingeborg Hunzinger, eine der führenden Bildhauerinnen der DDR. "Bin ich Mutter von Beruf?" soll - wie im Buch - einer ihrer Lieblingsaussprüche gewesen sein.

"Rücken an Rücken" ist eine schwer verdauliche Kost. Julia Franck hat viel, zu viel in dieses Buch hineingepackt, nicht nur die traumatische Beziehung zwischen Mutter und Kindern, sondern auch noch eine Missbrauchs- und Stasigeschichte. Diese Überfrachtung tut dem Roman nicht gut. Trotz mancher gelungener Passagen bleibt das Buch leider auch sprachlich hinter "Die Mittagsfrau" zurück.

Sibylle Peine, dpa
06.02.2012

 
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Das Buch:

Julia Franck:
Rücken an Rücken

Bild: Buchcover Julia Franck, Rücken an Rücken

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2011
384 S., € 19,95
ISBN: 978-3-10-022605-1

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