Romane

Eine wahre Geschichte - literarisch aufgearbeitet

Am 7. April 2005 wird ein orientierungsloser Mann in einem nassen Anzug am Strand der Küstenstadt Sheerness im Südosten Englands aufgefunden. Er kann sich weder an seinen Namen erinnern, noch weiß er, woher er kommt und warum er in dieser Einöde gelandet ist. Um dem Geheimnis seiner Herkunft und den Antworten auf die vielen Fragen auf die Spur zu kommen, wird der "Piano Man" in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses in Dartford gebracht. Dort zeichnet er auf einem Stück Papier mit einigen Bleistiftstrichen ein Klavier, zu dem er daraufhin geführt wird. Wie sich herausstellt, ist der Unbekannte ein begnadeter Virtuose, der mit der Musik die Massen verzaubert. Für Paolo Capriolo ist dieser Hintergrund der Anlass für das Schreiben einer wundervollen Geschichte, die vom Zauber der Melodien und großen Gefühlen lebt. "Der stumme Pianist" wird zweifellos viele Herzen berühren. 

Nadine ist Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik und unternimmt gerne Spaziergänge am nahegelegenen Strand. Auch an dem Tag, als sie einen sprachlosen Mann im Frack sieht, hängt sie ihren Gedanken nach und träumt von der Macht der Liebe. Noch ahnt sie nicht, welche Auswirkungen der mysteriöse Fremde auf ihr Leben hat. Sie weiß nur, dass er dringend Hilfe braucht, und bringt ihn umgehend zu ihrem Chef. Dieser steht vor einem Rätsel, denn aus ihm ist kein Wort herauszubekommen. Erst als er am Klavier sitzt und seine Finger über die Tasten gleiten, fühlt er sich glücklich. Dieses Gefühl breitet sich auch in den Herzen seiner Zuhörer aus. Jeder wird von der Kraft der Töne ergriffen, die trotz ihrer Schwere eine gewisse Leichtigkeit tragen. Auch Herr Rosenthal gehört zu den Auserwählten, die den Melodien des stummen Pianisten lauschen dürfen - mit ungeahnten Folgen. 

Verschüttete Erinnerungen werden wach, sobald die ersten Töne erklingen. Für Rosenthal sind diese besonders schrecklich, denn während Adolf Hitlers Herrschaft hat er die Hölle auf Erden erlebt. In KZs hat er unvorstellbare Qualen durchmachen müssen, unter denen er bis heute leidet. Das virtuose Spiel des stummen Pianisten bricht auch bei Mrs. Doyle uralte Blockaden auf. Einst hat sie ihren eigenen Sohn getötet, denn für sie war er das personifizierte Böse, das ausgetilgt werden musste. Und dann gibt es noch den ehemaligen Buchhalter, den die Unordnung der Zahlen in den Wahnsinn trieb. Auch Nadine spürt die Veränderung in ihrem Herzen und unternimmt alles, um den jungen Mann wieder einen Sinn in seinem Leben zu geben ... 

Paola Capriolo ist eine meisterhafte Erzählerin, die mit ihrer Kunstfertigkeit Sprache zu einem grandiosen Musikstück voller Herzenswärme macht. "Der stumme Pianist" ist ein Roman, der die Liebe zur Musik lebt und den Leser damit ansteckt. Dieses Buch ist ein fesselndes Erlebnis, das mit Spannung und großen Gefühlen besticht und gute Unterhaltung über mehrere Stunden schenkt. Die italienische Autorin lässt die Macht der Worte für sich sprechen und verzaubert damit ihre Fans gleich reihenweise. Aufwühlend ist die Lektüre in jedem Fall - und trotzdem unglaublich schön und packend bis zum bittersüßen Ende. Paola Capriolos "Der stumme Pianist" versetzt den Leser in einen Rausch, der von allen Sinnen Besitz ergreift. Und das ist geradezu exzellente Unterhaltung, von der man noch viel mehr haben möchte. 

Susann Fleischer
06.02.2012

 
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Das Buch:

Paola Capriolo:
Der stumme Pianist. Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn

Bild: Buchcover Paola Capriolo, Der stumme Pianist

München: Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann Verlag 2011
208 S., € 19,99
ISBN: 978-3-570-58016-5

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