Romane

Ein Leben voller Neubeginn

Jürgen Behrend hat unter dem Titel „Golli“ ein interessantes Buch verfasst, dessen Hauptmerkmal über den Untertitel deutlich zum Vorschein kommt: „Wie ein Phoenix im Strudel seiner Zeit“. Phönix hieß in der alten Mythologie der Vogel, der verbrannte, dann aber aus der Asche neu erstand. Der zweite Untertitel bringt es auf den Punkt: „Eine wahre und spannende Reise durch die Zeit“. Somit ist „Golli“ eine Lebensgeschichte, die sich dadurch auszeichnet, dass der Protagonist sich immer wieder neu findet und auf den Weg macht. 

„Können wir uns denn wie eine Schlange einfach so häuten und ein neues, ein ganz anderes Leben beginnen“, fragt Behrend ganz am Schluss des Buches, das naturgemäß stark autobiografische Züge trägt. Die Vergangenheit, schreibt der Autor weiter, umgebe uns wie eine zweite Haut. Geboren wurde Golli 1936, im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin. Der Zweite Weltkrieg stand kurz bevor. Das zeichnete sich selbst in den Kinderspielen ab, man spielte eben, was man vor Augen hatte - also Krieg. 1942 starb die Mutter, den Vater erlebt man im Aufstieg in der Offizierskarriere. 1945 bis 1947 war er in Kriegsgefangenschaft, gestorben ist er 1987. Aufschlussreich ist, wie Behrend zu seiner späteren und wohl auch reiferen Sicht des Dritten Reiches kam und wie er sich dabei auf die berühmte „Geschichte eines Deutschen“ von Sebastian Haffner stützte. 

Krieg und Politik waren das eine, der Alltag das andere. Nach Kriegsende konzentriert sich der Autor auf Berufliches und auf die Menschen um ihn herum. Da wirken sich die im Titel angesprochenen Wechsel erst recht aus. Mit Erstaunen vollzieht man als Leser das Auf und Ab am Arbeitsplatz und zieht mit Behrend von einem Wohnort zum nächsten. Reifen-Sauer in Nürnberg war nur eine von vielen Stationen. Auf eine erste Beziehung, die es bis zur Verlobung brachte, folgte eine zweite, die 1966 zur Heirat führte. So füllt sich ein reiches Curriculum Vita, in das sich ein Unfall drängte. Der Autor lässt aber auch in die Gedanken und Haltungen blicken, so auch in die Freimaurerei, der sich Behrend anschloss. 

Das Buch liest sich wie ein Tagebuch, das von seiner klaren, durchweg ungeschminkten, geradlinigen Sprache und natürlich von großen und kleinen Ereignissen lebt. Zum Ende hin scheint sich der Autor auf die höhere Warte zurückzuziehen, von der aus sich die Welt im Zusammenhang betrachten lässt. Das ist die Warte, die überzeugt schreiben lässt. Wie weit man sich treiben lassen oder aktiv am Schicksal beteiligen soll, wird in einem Gedicht als Frage aufgeworfen. „Du musst gegen den Strom schwimmen“, schreibt Behrend, „um an die Quelle zu gelangen.“ 

Die Geschichte ist im zeitgeschichtlichen Geschehen verankert. Das bringt sehr viel mit sich, nämlich auch die vielen Infragestellungen. Diese lassen den Protagonisten immer wieder Abschied nehmen von einer Episode mit all ihren Eigenheiten, Regeln und Empfindungen. Darauf öffnet sich die Türe zur nächsten Episode, die erobert und gemeistert sein will. Man mag sich als Leserin oder Leser von diesem romanhaften Dargestellten anleiten lassen und bedenken, was die eigene Auseinandersetzung an Kämpfen, Siegen und Niederlagen, aber auch an Belastungen und an Schönheiten mit sich bringt. Ein Buch zum Nachdenken also und kein bloßes Geschichtsbuch. 

Ronald Roggen 
05.12.2011

 
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Das Buch:

Jürgen Behrend:
Golli. Wie ein Phoenix im Strudel seiner Zeit

Bild: Buchcover Jürgen Behrend, Golli. Wie ein Phoenix im Strudel seiner Zeit

Berlin: Deutsche Literaturgesellschaft 2011
222 S., € 24,80
ISBN: 978-3-86215-986-4

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