Romane

"Wunsiedel" - eine Abrechnung mit dem Theater

"Theaterroman" nennt Michael Buselmeier im Untertitel sein Buch. Das trifft den Kern - der Roman ist in weiten Strecken eine Tirade gegen das Theater, wie der Autor es in den 60er Jahren an einer fränkischen Freilichtbühne erlebte. 

Jahrzehntelang hat diese Demütigung an Michael Buselmeier genagt. Nun hat er sich endlich Luft gemacht - und es mit seiner Abrechnung gleich auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. 

"Wunsiedel" ist benannt nach einem Nest an der tschechischen Grenze. Ein junger Mann - der im Roman Moritz Schoppe heißt, aber ganz explizit als Alter Ego des Autors ausgewiesen ist - hat 1964 einen Sommer als Regieassistent bei den "Luisenburg-Festspielen" in Wunsiedel gearbeitet, einer Freilichtbühne, die eher für ihre spektakuläre Felsenkulisse bekannt ist als für aufsehenerregende Theater-Experimente. 

Der Roman ergeht sich seitenlang in Tiraden gegen diese Bühne ("eine subventionierte Abgeschmacktheit"), den damaligen Intendanten ("der sich auch als Regisseur auf halbherzige Arrangements beschränkte"), die Schauspieler ("diese häufig unintelligenten, jedenfalls naiven und mangelhaft ausgebildeten Wesen"). Seitenlang schildert er sein "immer neu aufflammendes Grauen", geißelt das Theater als "Kunstvernichtungsanstalt" und ist dabei von dem großen schimpfenden Thomas Bernhard Lichtjahre entfernt. 

2008 kehrt der Autor nach Wunsiedel zurück und betrachtet diesen "jungen unerfahrenen Menschen", der er selbst einst war, mit Distanz. Damals kam es einen "Todesurteil" gleich, als der Intendant ihm sagte, er sei nichts als ein Störenfried, "der seine Mitmenschen mit schelem Blick betrachte und sich Notizen über sie mache". Heute sei er geneigt, "dem Urteil des alten Intendanten über den anmaßenden jungen Mann zustimmen", schreibt Buselmeier über sich selbst. 

Der Rückkehrer findet sogar manches Liebenswerte, vor allem für die bizarr-reizvolle "Gotteslandschaft", die er wandernd erkundet und dabei in Peter Kurzeck'scher Manier seine Beobachtungen notiert. Sogar eine Liebesgeschichte hat Platz - auch wenn sie nur die Geschichte einer weiteren Kränkung ist: Als wäre die "Luisenburg" nicht genug, verlässt den Ich-Erzähler während seines Wunsiedeler Exils auch noch die Freundin. Von dieser Frau oder den Erlebnissen des Ich-Erzählers im Kinderheim hätte man gern mehr gelesen. 

Für den kleinen Heidelberger Verlag "Das Wunderhorn" ist schon die Nominierung für den Buchpreis - zwischen Suhrkamp, Rowohlt und S. Fischer - ein großer Erfolg. Der 1978 gegründete Zweieinhalb-Mann-Verlag bringt weniger als 20 Bücher im Jahr heraus. In der 350 Titel umfassenden Backlist finden sich zahlreiche Werke von Michael Buselmeier, der den Verlag mitbegründet hat: Gedichte, Erzählungen, "Literarische Spaziergänge durch Heidelberg" und auch sein erster Roman aus dem Jahr 1989 mit dem Titel "Schoppe". 

Sandra Trauner, dpa 
31.10.2011

 
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Das Buch:

Michael Buselmeier:
Wunsiedel. Ein Theaterroman

Bild: Buchcover Michael Buselmeier, Wunsiedel. Ein Theaterroman

Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2011
158 S., € 18,90
ISBN: 978-3-88423-362-7

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