Romane

Zu viel Gelehrsamkeit: Antonia Byatts "Buch der Kinder"

Noch heute, rund 20 Jahre nach Erscheinen von "Besessen", verbindet man Antonia Byatt hauptsächlich mit diesem internationalen Bestseller. Er war seinerzeit eine Sensation und wurde mit dem renommierten "Booker Prize" ausgezeichnet. Der Erfolg war auch deshalb so durchschlagend, weil Byatt es verstanden hatte, aus einem nicht gerade massentauglichen Thema wie der Literatur des viktorianischen Zeitalters einen spannenden Thriller zu formen. 

Keines ihrer nachfolgenden Bücher erreichte mehr diese Breitenwirkung. Nun legt die britische Autorin nach längerer Pause wieder einen Roman vor. "Das Buch der Kinder" heißt das schwergewichtige, in deutscher Übersetzung fast 900 Seiten starke Werk. Auch in dem neuen Roman spielt die Literatur eine zentrale Rolle, und Künstler machen einen wesentlichen Teil des Personals dieses Gesellschaftsromans aus. 

Wieder siedelt Byatt ihre Geschichte im viktorianischen Zeitalter an. Allerdings wird der Bogen diesmal bis zum Ersten Weltkrieg gespannt. Im Mittelpunkt steht die Familie Wellwood. Er, Humphrey Wellwood, Journalist und Bankangestellter, ist ein Freigeist, der mit den sozialistischen Strömungen seiner Zeit sympathisiert. Dass er seine freizügige Haltung auch ohne Rücksicht auf Verluste im Privatleben weiterführt, stellt sich erst im Laufe des Romans heraus. 

Seine Frau Olive ist eine etwas versponnene Schönheit. Als armselige Bergarbeitertochter geboren, hat sie sich zu einer erfolgreichen Kinderbuchautorin gemausert. Sie lebt nur für die Literatur. Am liebsten würde sie sich ganz in ihre Welt der Fabeln und Märchen einschließen. Für ihre sieben Kinder und den Haushalt zeigt sie dagegen nur geringes Interesse. Diese unterstehen ihrer praktischeren Schwester Violet. Einzig ihren ältesten Sohn Tom hat Olive in ihr Herz geschlossen. 

Um die Wellwoods herum gruppieren sich andere verwandte oder befreundete Familien, so die Töpferfamilie Fludd, die das handwerkliche-proletarische Element in dem Roman verkörpert, oder die deutsche Marionettenbauer-Familie Stern, die ein dunkles Geheimnis mit den Wellwoods verbindet. Doch all dies stellt sich erst nach und nach heraus. Das heitere Sittengemälde, das Byatt anfangs zeichnet, diese Atmosphäre gesellschaftlicher Aufgeklärtheit und Toleranz, verdüstert sich mit der Zeit immer mehr, erweist sich schließlich zum Teil als Farce. 

Es sind am Ende die vielen Kinder dieser Familien, die für die Inkonsequenz ihrer Väter und Mütter, deren Lügen und Scheinheiligkeiten zu zahlen haben. Den Rest besorgt der Krieg, der eine Schneise der Verwüstung hinterlässt. 

Der Roman leidet nicht nur an der verwirrenden Vielzahl von Personen - das Verzeichnis am Ende des Buchs listet über 40 Namen auf. Kein Wunder, dass man einige von ihnen im Verlauf der 900 Seiten aus dem Blick verliert. Weniger wäre hier durchaus mehr gewesen. Dies gilt überhaupt für das ganze Buch. Byatt bekommt die immense Stofffülle nicht in den Griff. Vor allem wird sie Opfer ihrer eigenen Gelehrsamkeit. Sie will dem Leser viel zu viel auf einmal vermitteln. 

So wird er nicht nur langatmig in die Kinderbuchliteratur der damaligen Zeit eingeführt, sondern auch mit sämtlichen fortschrittlichen Gesellschaftsbewegungen vertraut gemacht. Begriffe wie "Democratic Society", "Society for Psychical Research" oder "Theosophische Gesellschaft" schwirren nur so durch die Luft. 

Die Schwabinger Bohème wird ebenso ausführlich geschildert wie die Weltausstellung von 1900, nicht zu vergessen eine Vielzahl politischer Ereignisse bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diese allzu pädagogischen Passagen hemmen leider immer wieder den Handlungsablauf und sorgen für eine unliebsame Entschleunigung. So mancher Leser dürfte darüber wohl die Geduld verlieren. 

Sibylle Peine, dpa 
24.10.2011

 
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Das Buch:

A.S. Byatt:
Das Buch der Kinder. Aus dem Englischen von Melanie Walz

Bild: Buchcover Antonia Byatt, Das Buch der Kinder

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2011
896 S., € 26,00
ISBN: 978-3-10-004417-4

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