Romane

Frühwerk von Bolaño: Das Böse als Brettspiel

Der Chilene Roberto Bolaño hat mit dem posthum veröffentlichten, monumentalen Roman "2666" Weltruhm erlangt. Jetzt erscheint acht Jahre nach seinem Tod mit "Das Dritte Reich" ein Frühwerk: Ein Deutscher spielt den Zweiten Weltkrieg als Brettspiel nach und verdrängt jeden moralischen Impuls. 

Die späte Entdeckungsreise durch das Werk des vor acht Jahren verstorbenen Chilenen Roberto Bolaño geht weiter. Faszinierend, finster und verwirrend ist sein jetzt in deutscher Übersetzung erschienenes Frühwerk "Das Dritte Reich" mit seiner bizarren Handlung. Udo Berger ist deutscher Meister beim strategischen Brettspiel "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches". Im Urlaub an der Costa Brava spielt er den Zweiten Weltkrieg gegen einen mysteriösen Lateinamerikaner nach und verliert. Im Augenblick der Niederlage gegen den "Verbrannten", dessen Gesicht möglicherweise durch Folter furchtbar entstellt ist, muss er um sein Leben fürchten. 

Nach dem von der Kritik einhellig gefeierten Romanmonster "2666" und dem kleinen "Lumpenroman" bringt der Hanser Verlag jetzt die Übersetzung des Frühwerks von Bolaño heraus. Die Witwe Carolina López fand das 1989 abgeschlossene Manuskript im Nachlass. Unklar ist nach Angaben des Übersetzers Christian Hansen, ob der Autor die Veröffentlichung von "Das Dritte Reich" wollte oder nicht. Bei der Lektüre irritiert zunächst der hölzerne Stil des Tagebuch schreibenden Ich-Erzählers mit gewagten Zeitwechseln. Bis klar wird, dass Udo Berger mit seinem Tagebuch über die Erlebnisse im spanischen Badeort vor allem Stilübungen für die angestrebte Karriere als "Essayist" betreiben will. 

Seltsam unbeteiligt schildert er dramatische Ereignisse: Ein deutscher Ferienfreund verschwindet im Meer, eine Romanze mit der älteren Hotelchefin führt zu aufreibenden Begegnungen mit deren todkrankem Mann. Eine seltsame Gefühlslage gibt der Ich-Erzähler gegenüber dem militärischen Fortgang des Massenmordens als Brett- und Würfelspiel preis: "Unter den nicht eingetretenen Lieblingssituationen gehört meine besondere Vorliebe der Einnahme von Moskau durch die Truppen von Kluges." 

Ob Bolaño den frühen Roman vielleicht nur als Stilübung für seine späteren Hauptwerke schrieb und deshalb bis zum Tod 14 Jahre später in der Schublade ließ? An die wild anarchische, vielstimmige Tiefe der Hauptwerke kommt dieses Buch jedenfalls nicht heran. Anders als "2666" und auch die vorher erschienenen "Wilden Detektive" ist "Das Dritte Reich" streng chronologisch mit einem einzigen durchgehenden Handlungsfaden angelegt. 

Schon in diesem frühen Roman schildert Bolaño das Böse in einer nur ihm eigenen Mischung aus Ernst und Ironie, erzeugt morbide Stimmungen und webt immer wieder literarisches Streben als Thema in die Geschichte ein. Dem Ich-Erzähler fällt auch schon mal ein, dass einer seiner "Lieblingsgeneräle", der als Kriegsverbrecher verurteilte Ex-Generalfeldmarschall Erich von Manstein, seine Entsprechung in der deutschen Literatur in Günter Grass gefunden habe. 

Die späte und so großartige Entdeckung als Ausnahme-Autor ist wohl noch lange nicht zu Ende. Im Herbst 2012 bringt der Hanser Verlag einen weiteren bisher unveröffentlichten Roman aus dem Nachlass heraus, der nach Angaben der "Neuen Zürcher Zeitung" den Titel "Die Ärgernisse des echten Polizisten" bekommen soll. Ein dritter Roman liegt bereit. 

Thomas Borchert, dpa 
05.09.2011

 
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Das Buch:

Roberto Bolaño:
Das Dritte Reich. Aus dem Spanischen von Christian Hansen

Bild: Buchcover Roberto Bolaño, Das Dritte Reich

München: Carl Hanser Verlag 2011
320 S., € 21,90
ISBN: 978-3-446-23610-3

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