Romane

Ein wrdiger Nachfolger von Hemingway & Co.

Die allj?hrliche Verleihung der Pulitzer-Preise wird unter Journalisten und Verlegern ?hnlich gespannt verfolgt wie von Schauspielern und Filmproduzenten das Oscar-Spektakel in Hollywood. Insbesondere der Pulitzer-Preis in der Kategorie "Roman" gilt als der wichtigste Literaturpreis in den USA. So gewann ein gewisser Ernest Hemingway diesen im Jahre 1953 f?r eines seiner ber?hmtesten Werke: "Der alte Mann und das Meer". Auch in j?ngerer Zeit waren es mit Philip Roth oder Jeffrey Eugenides Vertreter aus der ersten US-amerikanischen Schriftsteller-Riege, die diesen Preis in Empfang nehmen durften. 

Im vergangenen Jahr ist Paul Harding der Coup gelungen, diesen Preis mit seinem Deb?troman zu gewinnen: "Tinkers" hei?t der hochdekorierte Roman sowohl im Original als auch in seiner deutschen Ausgabe, die einer der gro?en "Hingucker" im diesj?hrigen Buchsommer hierzulande ist. Was die Angelegenheit noch viel interessanter macht, ist die Tatsache, dass Hardings Manuskript zu "Tinkers" vor einigen Jahren mehrfach abgelehnt worden war, so dass es f?r mehrere Jahre in Hardings Schubladen verschwand, bevor man beim kleinen New Yorker Verlag Bellevue Literary Press das wahre Potential des Romans erkannte. 

Der Uhrmacher George Washington Crosby liegt im Sterben und sieht sein Leben an sich vorbeiziehen. Besonders war vor allem das Verh?ltnis zu seinem Vater Howard, mit dem er als junger Knabe oft ?ber die D?rfer tingelte. Sein Vater war n?mlich mit Esel und Karren als fahrender H?ndler unterwegs, wobei er auch Kessel flickte, ein "Tinker" eben. Leider erf?llte Howard niemals die Erwartungen seiner Frau, zumal er mit seinen epileptischen Anf?llen oft auch noch f?r einige Schreckmomente sorgte - unter anderem als er w?hrend eines Anfalls George beinahe einen Finger abgebissen hatte. Daher plante Howards Frau, ihn in eine Anstalt einzuweisen, woraufhin er seine Familie vom einen auf den anderen Tag verlie?. 

Das vorliegende Buch verschwimmt einem in etwa so vor den Augen, wie es George mit seinem Leben und seinen Erinnerungen auf dem Sterbebett ergeht. Wer als Leser in einem Buch Halt in einer Kapitelstruktur oder an einer fest gew?hlten Erz?hlform sucht, der ist bei "Tinkers" verloren. So wechseln die Erz?hlformen von einem Absatz zum anderen, mal berichtet Howard als Ich-Erz?hler, mal George, mal wird von einem der beiden in der dritten Person geschrieben und schlie?lich findet sich der Leser gar in Howards Kindheit wieder. 

"Tinkers" verlangt von seinem Leser h?chste Konzentration, alldieweil beil?ufiger Konsum die einzelnen Seiten vor dem Leser verschwimmen l?sst. Es ist mit weniger als 200 Seiten zwar nur ein kleines Buch, doch hat es viel zu erz?hlen. Manche Leser m?gen sich an ihre Schulzeit erinnert f?hlen, als sie sich durch Klassiker wie "Wilhelm Tell" oder "Maria Stuart" geackert haben, weil man im jungen Alter die Tragweite des Gro?en und Ganzen noch nicht erfassen konnte und gerne auf Sekund?rliteratur gesetzt hat, die einem erst Aufschluss gebracht hat. Derartige Sekund?rliteratur mag man sich auch an einigen Stellen bei "Tinkers" w?nschen, da man sich schon fragt, was einem Harding mit diesem oder jenem Einschub denn sagen m?chte. 

Abgesehen davon, dass Harding seinem Leser eventuell mehr mitteilen wollte, als dieser in der Lage war zu begreifen, fasziniert der Autor durch seine Melodie der Worte, seine S?tze, die mal h?mmern, mal einen f?rmlich hinwegtragen, aber in manchen Passagen selten k?rzer als eine halbe Seite sind. Es ist vor allem das Finale des Buches, das den Leser ber?hrt und dar?ber begeistert sein l?sst, dass Vater und Sohn ihr Leben trotz widriger Umst?nde erfolgreich gemeistert haben. Jeder Leser wird dieses Buch in dem Wissen zur Seite legen, dass er an einem ganz besonderen St?ck Literatur teilhaben durfte. 

Christoph Mahnel 
29.08.2011

 
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Das Buch:

Paul Harding: Tinkers. Aus dem Amerikanischen von Silvial Morawetz

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Mnchen: Luchterhand Literaturverlag 2011
192 S., 19,99
ISBN: 978-3-630-87367-1

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