Romane

Furioses Debüt "Die späte Ernte des Henry Cage"

Vierzig Jahre arbeitete er überaus erfolgreich in der britischen Werbebranche, bevor er mit 70 Jahren als Autor durchstartete. Mit "Die späte Ernte des Henry Cage" hat David Abbott einen ebenso bewegenden wie mitreißenden Roman geschrieben.

Dass Geld nicht glücklich macht, erfährt Henry Cage, Inhaber einer renommierten Werbeagentur, am eigenen Leibe. Erst befördern ihn die Partner aus dem Job, dann wird er auch noch von einem Schlägertypen terrorisiert. Geschieden von seiner Frau und im Streit mit seinem Sohn fristet Cage in seinem goldenen Käfig ein kaltes, einsames, unglückliches Dasein. Erst spät, fast zu spät findet er die Kraft zu vergeben und damit ein neues erfülltes Leben.

David Abbott, einst überaus erfolgreicher Creative Director britischer Top-Werbeagenturen, war bereits siebzig Jahre, als er seinen Debütroman "Die späte Ernte des Henry Cage" abschloss. Das Buch über die große Lebenskrise eines alternden Erfolgsmenschen wurde in Großbritannien als "überwältigend" und "herzzerreißend" gelobt.

In der Tat entwickelt Abbott einen raffinierten Plot, in dem es kein Anfang und kein Ende im herkömmlichen Sinne gibt. Der Roman beginnt mit der Beerdigung von Cage's geliebtem einzigen Enkel Hal. Der Junge war mit ihm auf einer Ausflugstour, als sich ein Junkie des Autos bemächtigte und das Kind unabsichtlich zu Tode schleifte. Cage gibt sich die Schuld. Er ist verzweifelt. «Es war ein Unfall, Dad - ein Unfall», versucht Sohn Tom den Vater, mit dem er sich erst kurz vorher versöhnt hat, zu trösten. Die beiden hatten sich entzweit, weil Cage seiner Frau und Toms Mutter eine Affäre nicht verzeihen konnte und sich scheiden ließ.

Nach der tragischen Ouvertüre blendet Abbott zurück: Cage lebt allein in seinem luxuriösen Haus in London. Sein einsames Leben nach dem unfreiwilligen Ruhestand versucht er mit Klavierspielen, Lektüre und seiner Sammlung von Erstausgaben des 20. Jahrhunderts zu füllen. Doch das will ihm nicht gelingen. Alles erscheint ihm sinnlos. "Es ist, als habe Gott seine Hand geöffnet und dich für eine Weile darauf tanzen lassen, um sie dann ganz fest zu schließen - so fest, dass du noch nicht mal schreien konntest."

Schließlich drängt sich auch noch Colin, ein Mann mit einer Neigung zu Wutausbrüchen, in sein Leben und terrorisiert ihn. Das Glück scheint Cage, der so überheblich alle Brücken zu seiner Familie abgebrochen hat, verlassen zu haben. Erst als seine geschiedene Frau ihn bittet, sie in den USA zu besuchen, bietet sich eine Chance, seinem Leben noch einmal eine Wendung zu geben.

Abbott, der vier Jahrzehnte Werbetexte geschrieben hat, erweist sich als stilsicherer, sensibler und souveräner Autor. Sein Roman ist glaubwürdig, packend und verstörend.

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
04.07.2011

 
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Das Buch:

David Abbott:
Die späte Ernte des Henry Cage. Aus dem Englischen von Peter Torberg

Bild: Buchcover David Abbott, Die späte Ernte des Henry Cage

München: dtv 2011
360 S., € 14,90
ISBN: 978-3-4232-4848-8

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