Romane

Blick in die Traumfabrik: "Elektrische Schatten"

Christa Estenfeld führt in ihrem Roman "Elektrische Schatten" in die Welt des Films. Ein Regisseur will Anfang der 70er Jahre ein Kindheitstrauma verarbeiten: die Verschleppung und Ermordung seiner Freundin in einem Konzentrationslager der Nazis. 

Fiktion oder Wirklichkeit? Bei Christa Estenfeld fließt beides ineinander. Manchmal sind es Tagträume, manchmal Ideale und Vorstellungen von einem Leben, das man sich fernab der Realität wünscht. Und manchmal sind es schreckliche  - teils wahr gewordene - Albträume, die die Mainzer Autorin ihren Protagonisten in dem Roman "Elektrische Schatten" beschert. Sie führt ihre Leser in eine Traumfabrik. Die Welt des Films wird Mittel zum Zweck. 

Auf der einen Ebene versucht der Regisseur Roman in den 70er Jahren eine prägende Kindheitserinnerung zu einem Spielfilm zu verarbeiten. Der Holocaust und ganz speziell die Verschleppung einer Jugendgespielin in die Gaskammer sind sein Trauma, das sich später auf seine Hauptdarstellerin übertragen wird. Die außerordentlich begabte junge Franzi hat ihre eigenen Vorstellungen vom künftigen Leben. Knapp formuliert sie diese in einem Schulaufsatz - schnörkellos und doch märchenhaft. Anlass für ihre Lehrerin, sie dem noch suchenden Regisseur zu empfehlen. Mit Erfolg: Ein Star wird geboren. Doch das neue Leben hat so gar nichts mit einem Märchen gemein. 

Die andere Erzählebene führt in die Terroristenszene. Edith, eine junge Frau, gerät ohne Schuld mitten hinein, etabliert sich, ohne selbst aktiv zu werden, und kommt ganz unspektakulär wieder heraus. Wie Estenfeld Ediths Gedanken- und Gefühlswelt beschreibt, ist stark. Dass beide Erzählstränge aufeinandertreffen, war natürlich vorhersehbar - und ist doch gelungen: das Verbrennen von Romans Holocaust-Filmrollen mit grausiger Symbolik. Vergangenheit kollidiert mit Gegenwart, Gewalt mit Gewalt. Konfrontation und Verarbeitung werden wichtig für die Zukunft. 

Doch das ist nicht das Ende der Geschichte und auch nicht das Ende von Romans Filmprojekt. Es werden noch viele Träume geträumt. Einige sind Redundanz im besten Sinne. Die oft ineinanderfließenden Sequenzen erfordern mitunter hohe Aufmerksamkeit. Was dem Leser sofort eingeht, sind die poetischen Worte und Bilder, die Estenfeld als Künstlerin ausweisen. Die auch als Grafikerin und Illustratorin bekannte Autorin erweist sich als exzellente Zeichnerin von Gefühlen mit all ihren Facetten: von hell bis dunkel, von wunderschön bis hässlich. 

Frauke Kaberka, dpa 
27.06.2011

 
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Das Buch:

Christa Estenfeld:
Elektrische Schatten

Bild: Buchcover Christa Estenfeld, Elektrische Schatten

Mainz: VAT Verlag André Thiele 2010
333 S., € 19,90
ISBN: 978-3-940884-26-8

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