Romane

Gelungenes Debüt: Katharina Borns "Schlechte Gesellschaft"

Nicolas Born war ein wichtiger Lyriker und Romancier der Nachkriegszeit. Sein Roman "Die Fälschung" wurde später von Volker Schlöndorff verfilmt. Jetzt hat Borns jüngste Tochter Katharina ihren Debütroman vorgelegt. 

Jahrelang hat Katharina Born den Nachlass ihres früh verstorbenen Vaters geordnet. Sie gab seine Gedichte heraus, einen Band mit seinen Briefen, sie schrieb Nachworte dazu. Aber in seine Fußstapfen zu treten, traute sie sich nicht. Inzwischen ist Katharina Born 37 Jahre und ihr wurde bewusst, dass man nicht ein ganzes Leben davon träumen kann, Bücher zu schreiben, irgendwann muss man es auch einmal tun. 2009 präsentierte sie unter dem Titel "Fifty-fifty" Teile ihres ersten Romans beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und wurde prompt dafür ausgezeichnet. Jetzt liegt das ganze Werk vor. Katharina Born ist mit "Schlechte Gesellschaft" ein ganz erstaunlicher Wurf gelungen. 

140 Jahre umfasst dieser deutsche Familienroman aus dem Westerwald, der Heimat von Katharina Borns Großeltern. Die Erzählung beginnt um 1870 mit Irma Vahlen und endet bei ihrer Nachfahrin Alexia Vahlen im Jahre 2007. Dazwischen liegt eine Familiengeschichte, die übervoll ist an Tragödien, persönlichen Verfehlungen, historischen Verstrickungen. Die Handlung kreist vor allem um die Frauen der Familie: Irma, Martha, Hella, Judith und Alexia. Sie alle sind schön, begehrenswert, vielversprechend, doch über ihnen liegt ein Verhängnis, ein Fluch. 

Ein glückliches und erfülltes Leben hat keine von ihnen. Im besten Fall enden sie als von den Männern frustrierte "schwierige Witwen". Im schlimmsten Fall ziehen sie aus Verzweiflung über ihr verpfuschtes Leben selbst den Schlussstrich. Überall lauern Abgründe, Heimlichkeiten, unklare Abstammungen, Doppelbödigkeit. 

Aufgerollt wird die Familiengeschichte durch einen jungen Doktoranden, der an einer Dissertation über den Schriftsteller Gert Gellmann arbeitet. Dieser unterhielt einen engen Briefwechsel mit seinem inzwischen verstorbenen Kollegen Peter Vahlen. Um den Briefwechsel zu studieren, reist der Doktorand in den Westerwald zur Familie Vahlen. Bei seinen Forschungen entdeckt der Wissenschaftler ein noch nicht publiziertes Manuskript des Schriftstellers. Doch die Witwe ist gegen eine Veröffentlichung, der Doktorand kann aber die Tochter Judith als Verbündete gewinnen. Eh er sich versieht, ist er mitten drin in Familiengeheimnissen und -intrigen. 

Bezüge auf die eigene Familiengeschichte der Autorin sind unverkennbar. Auch Katharina Born hat einen Nachlass erforscht. Auch ihr Vater unterhielt einen Briefwechsel mit einem Schriftstellerkollegen - Peter Handke. Katharina Borns Mutter ist Ärztin wie Hella Vahlen im Roman. Das Brandmotiv ist ebenfalls autobiografisch. Als Kind musste Katharina Born erleben, wie ihr Elternhaus abbrannte. Trotzdem ist "Schlechte Gesellschaft" kein Schlüsselroman, sondern eine fiktive Geschichte. 

Die Handlung spielt auf verschiedenen Zeitebenen: in der Gegenwart, in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, in der Vorkriegszeit. Die Ebenen wechseln ständig wie kurze Filmsequenzen, was zur Spannung des Buches beiträgt. Der jeweilige Zeitgeist, das historische Milieu werden überzeugend dargestellt, etwa die archaisch-verdruckste bäuerliche Welt im Westerwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Charaktere sind ausdrucksstark und überzeugend. Einzig die Vielfalt des Personals und die verwirrenden verwandtschaftlichen Beziehungen stören bisweilen das Lesevergnügen. Ein Stammbaum im Buch wäre sehr hilfreich gewesen. 

Sibylle Peine, dpa 
06.06.2011

 
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Das Buch:

Katharina Born:
Schlechte Gesellschaft. Eine Familiengeschichte

Bild: Buchcover Katharina Born, Schlechte Gesellschaft. Eine Familiengeschichte

München: Carl Hanser Verlag 2011
272 S., € 19,90
ISBN: 978-3-446-23628-8

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