Romane

Autorensorgen

"Ich weiß nicht, was ich tun soll. ... Ich weiß nicht, ob ich nicht bald verrückt werde. Ich schaffe es immer noch nicht, mich in ein Bett zu legen. Manchmal schlafe ich auf einem Stuhl ein und falle hinunter. Ich weine fast die ganze Zeit. Ich merke es nicht einmal mehr. Ich muss auch zu bestimmten Zeiten gewisse Medikamente einnehmen. Ich bin vor wenigen Tagen fünfundvierzig geworden. Leider sieht es so aus, als sei ich glänzend in Form. Keinerlei Aussicht auf Krebs oder eine andere bösartige Geschichte. Aber reicht das? Wird es mir gelingen, wieder zu Kräften zu kommen? Das frage ich mich. Auf gewissen Weise bin ich schon tot."

Ein ziemlich heftiger Auftakt für Philippe Djians Buch "Scharze Tage, weiße Nächte". Zwei Schriftsteller sind die männlichen Hauptpersonen des Buches. Ein Erfolgsautor und ein Schreiber, der sich mit dem Verkauf von Vitamintabletten, Poweralgen und Unterhosen über Wasser hält und an seine besseren Tage denkt, als auch ihm der Erfolg reich beschieden war. Nach dem ersten Kapitel ist klar: Der Ich-Erzähler Francis, der Ex-Starautor, ist Witwer. Edith, seine Frau, war die Liebe seines Lebens. Ohne Edith hat er kein Leben und so erfindet er sich eine Welt. Der Startschuss zum Roman fällt eigentlich am Anfang des 2. Kapitels, als die imaginäre Edith fragt: "Warum versuchst du es nicht mit einem Porno?"

Die Suche führt Francis auf ziemlich abgefahrene Wege. In Patrick, dem Erfolgsautor, auf den er eigentlich aufpassen soll, damit ihn kein Konkurrenzverlag abwirbt, findet er einen tapferen Mitstreiter im Kampf um den ausgefallensten Beischlaf. Wer nun 400 Seiten Sex erwartet, liegt falsch, da orientiert sich das Buch am richtigen Leben. Guter Sex ist selten, auch bei Schriftstellern, sogar erfundenen. In den Erzählpassagen von leichter Melancholie überschattet, sind die Beschreibungen der Liebesnächte eher deftig geraten. An Techniken nichts Neues, quer durch alle Klischees und Altbekanntes und am Ende bleibt auch Francis die Erkenntnis, dass er es daheim am besten hatte.

Der Roman beschreibt über Seiten hinweg das Leben eines Schriftstellers, sei es Patrick, der nun mit dem Geld nur so um sich werfen kann und sich davon auch ein paar Ausgefallenheiten gönnt (bis hin zur Illusion, er könne Madonna mieten. Die Dame, die erscheint, sieht zwar aus wie Madonna, führt sich auf wie Madonna, wird aber durch einen Leberfleck am Hinterteil enttarnt, was der Sache aber keinerlei Abbruch tut, Illusion und Liebe liegen eben immer sehr eng beieinander), oder den eher vertretermäßigen Alltag von Francis, der mit dem Verkauf seiner Gesundheitsprodukte gelegentlich zur Missionierung neigt. Liebe, Phantasie und Leidenschaft – in diesem Dreieck spielt sich das Geschehen ab. Eigentlich nicht nur bei Schriftstellern.

Nach Djians Kultbuch "Betty Blue" legt der Autor mit diesem Band zur Abwechslung einmal einen sesshaften Helden vor, doch auch hier ist die Suche nach Intensität und Leidenschaft bestimmendes Motiv. Wer mehr über Sex lernen will, ist bei den Altmeistern Miller und Nîn besser aufgehoben. Wen aber das strange Leben von Schriftstellern interessiert, kann sich mit Djians Werk genüsslich in die Hängematte legen und möglicherweise zur gleichen Erkenntnis gelangen wie der Held Francis.

csc
15.04.2002

 
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Das Buch:

Philippe Djian:
Schwarze Tage, weiße Nächte

Bild: Buchcover Philippe Djian, Schwarze Tage, weiße Nächte

Zürich: Diogenes Verlag 2002
448 S.
ISBN: 3-257-86077-3

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