Romane

Der Mensch - ein Tier: "Ein bitterkalter Nachmittag"

Heitere Unterhaltung bietet Gerard Donovans Roman "Ein bitterkalter Nachmittag" nicht gerade. Der in New York lebende Ire entwirft ein zutiefst pessimistisches Bild von den Menschen und ihrer Brutalität. 

Eigentlich sollte man Gerard Donovans Romane nur im Sommer lesen, denn seine Geschichten lassen den Leser frösteln. Bereits in seinem Bestseller "Winter in Maine" dreht ein Mann in Einsamkeit und schneidender Kälte durch. Auch in Donovans nun übersetztem Buch "Ein bitterkalter Nachmittag" agieren zwei Männer scheinbar von allem Leben abgeschnitten in der Trostlosigkeit tiefsten Winters. Doch nicht nur die entworfenen Szenarien jagen den Lesern Schauer über den Rücken, auch die Essenz des aktuellen Buches wärmt nicht gerade das Herz: Der Mensch ist des Menschen schlimmster Feind, lautet das wenig tröstliche Fazit, auch wenn das Moment der Liebe nicht unbeachtet bleibt. 

An einem eisigen Nachmittag stapft ein Mann, Bäcker des nächsten Ortes, gefolgt von einem anderen Zivilisten und zwei Soldaten auf ein Feld. Man wirft ihm Schaufel und Spitzhacke zu und wortlos springt er in eine Vertiefung und beginnt zu graben. Während sich die Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag ein Stück zurückziehen, beobachtet der andere Mann - der Lehrer des Dorfes - seine Arbeit. Beide belauern einander, denn sie wissen: Wenn die Grube ausgehoben ist, wird sie für viele zum Grab werden, vielleicht auch für sie beide. 

Der Lehrer verwickelt den schuftenden Bäcker in ein Gespräch über Philosophie, den Sinn des Lebens und die Lehren der Geschichte, und der, da er als Außenseiter viel Zeit mit Büchern verbracht hat, antwortet. Zwischen den beiden entsteht eine Intimität, die sich aus ihrer Todesangst nährt, auch wenn die Unterschiede bestehenbleiben. "Wir halten die Welt in Gang, Lehrer", sagt der Bäcker einmal. Im Laufe der Wortgefechte kommt der Lehrer zur Sache: Er wirft dem anderen vor, das Dorf verraten zu haben und mit den Besatzern zu kollaborieren. In einem fingierten Prozess wird der Fall des Bäckers aufgerollt und die Frage der Schuld aufgeworfen. 

Er habe das Gefühl der Menschen in Zeiten des Krieges beschreiben wollen, kommentierte Donovan seinen Roman, "schreckliche, unbarmherzige Langeweile, kombiniert mit unterschwelliger Furcht und einem überwältigenden Verlangen, allem zu entkommen". Auch die Tatsache, dass die Lektüre ein beklemmendes Gefühl hinterlässt, ist beabsichtigt. Denn der 51 Jahre alte Ire, der früher einmal in Deutschland sein Geld in einer Käsefabrik und in Dublin als Gitarrist verdient hat, will "den Leser moralisch im Stich lassen". Trotz der tiefen Wirkung des Buches auf seine Leser hätte eine Straffung des Dialogs nicht geschadet. 

Susanna Gilbert-Sättele, dpa 
26.04.2011

 
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Das Buch:

Gerard Donovan:
Ein bitterkalter Nachmittag. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

Bild: Buchcover Gerard Donovan, Ein bitterkalter Nachmittag

München: Luchterhand Verlag 2010
336 S., € 19,99
ISBN: 978-3-630-87342-8

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