Romane

Wer will schon Blumen, wenn er eine E-Gitarre haben kann?

Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen kann sich noch ganz genau erinnern. Es gab eine Zeit in seiner Kindheit, Mitte der 60er Jahre, als er Tag und Nacht nur noch an eines denken konnte: an eine Fender Stratocaster, auch heute noch die Ikone unter den E-Gitarren. Lackiert in leuchtend rotem "Fiesta Red", mit Ahornhals und -griffbrett, dazu mit den klassischen drei einspuligen Tonabnehmern. So lachte sie ihm aus einem Musikgeschäft in seiner Nachbarschaft entgegen, und er wusste plötzlich nur noch eins: Eine solche Gitarre musste er haben, um zu lernen, wie man auf ihr so aufregende Musik macht wie die von "The Doors" oder "The Beatles".

Der 13-jährige Lars beginnt, als Bote für einen örtlichen Blumenhändler zu arbeiten und macht sich so auf den beschwerlichen Weg zu dem 2250 Kronen teuren, in Europa noch seltenen Instrument. Seine Eltern erweisen sich jedoch alles andere als von seinem Plan begeistert und auch seinen Schulalltag kann sein neu gefasstes großes Ziel nur bedingt versüßen. Dass Lars nicht gelegentlich von Zweifeln heimgesucht wird, kann er nicht behaupten. Wird er sein zugestandenermaßen durchaus hoch gestecktes Ziel jemals erreichen? Die Antwort muss er gezwungenermaßen mit sich selbst ausmachen, denn Lars´ verschlossenes, junges Selbst lässt niemanden an sich heran. Doch eines Tages lernt er beim täglichen Blumenaustragen die Zirkusartistin Aurora Stern kennen, die sich als eine der wenigen erweist, mit der sich der introvertierte 13-Jährige verbunden fühlt ...

Dass Jungen E-Gitarren mögen, weiß jedes Kind. Doch obwohl der junge Lars die Rock- und Popmusik seiner Zeit abgöttisch liebt, scheint seine Faszination mit dem teuren Instrument bereits nach kurzer Zeit ein wenig aus dem Ruder zu laufen. Allmählich bemerkt der Leser jedoch, dass er seine Sehnsucht nach dem futuristisch anmutenden Konstrukt aus Erlen- und Ahornholz, Plastik und Metall letztlich dazu verwendet, die Leere in seinem wenig stimulierenden Alltag zu füllen. Insgesamt zeichnet der norwegische Autor Lars Saabye Christensen wahrlich kein allzu schmeichelhaftes Bild von seinem 13-jährigen Selbst, das seine Umwelt geradezu durchweg mit Argwohn und Skepsis betrachtet und in seinem ganz eigenen Mikrokosmos lebt.

Doch gerade dadurch, dass "Die blaue Kuppel der Erinnerung" die Welt durch die Augen eines verschlossenen 13-Jährigen betrachtet, erhält der Roman sein ganz eigenes Flair. Der Leser kann so die geradezu klaustrophobische Enge von Lars´ Umgebung regelrecht am eigenen Leib spüren. Aber es wird auch Bücherfreunden, die in ihrer Jugend ganz anders durchs Leben gingen, leicht fallen, mit ihm mitzuleiden und mitzufühlen. Zusammen mit Lars Saabye Christensens Erzählstil voller Finesse und Atmosphäre entsteht so ein Leseerlebnis, das sich kein Freund von Romanen über das Erwachsenwerden entgehen lassen sollte. Das Lesevergnügen wird hierbei nur geringfügig durch die etwas ungelenke Eindeutschung des Romans getrübt, die hauptsächlich Fans der Rockmusik und des elektrischen Musizierens auffallen wird. Ein wunderbar berührendes Buch über das Selbst-über-sich-hinaus-Wachsen, das auch Kenner bezaubern wird.

Johannes Schaack
04.04.2011

 
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Das Buch:

Lars Saabye Christensen:
Die blaue Kuppel der Erinnerung. Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt

Bild: Buchcover Lars Saabye Christensen, Die blaue Kuppel der Erinnerung

München: btb Verlag 2011
221 S., € 8,99
ISBN: 978-3-442-74143-4

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