Romane

Ein hartes Stück Lesearbeit

Zwei Geschichten auf zwei verschiedenen Erdteilen verfolgen den Leser in Rabea Edels neuestem Roman "Ein dunkler Moment". Da ist zum einen Billy aus Carnation City, einer US-amerikanischen Kleinstadt, der mit einem Baseballschläger seine Eltern und seine jüngere Schwester tötet, und zum anderen der Pathologe Andrea Landolfi aus Rom, der beruflich erfolgreich, privat aber eher unstet ist. In kurzen Kapiteln und abwechselnd schreiten die beiden Geschichten scheinbar unabhängig voneinander voran. 

Die junge deutsche Autorin Rabea Edel hatte anno 2006 einen vielversprechenden Karrierestart mit ihrem Debütroman "Das Wasser, in dem wir schlafen" hingelegt. Viele Preise und Ehrungen konnte sie in der Folgezeit entgegennehmen, so dass man gespannt auf ihren zweiten Roman warten durfte, der nun mit dem vorliegenden Werk erschienen ist. Für ihre besondere Sprache war sie bereits in ihrem Erstling gelobt worden, eine herausragende Eigenschaft, die sich auch in "Ein dunkler Moment" fortsetzt. Dank ihrer zahlreichen Andeutungen überlässt sie dem Leser einen großen Deutungsspielraum. 

Getrieben von der durch den Klappentext ausgelösten Neugier auf die Zusammenhänge zwischen den beiden Geschichten schreitet derjenige Leser voran, der vor allem daran interessiert ist, Geschichten zu lesen und durch Geschichten unterhalten zu werden. Womöglich werden aber dessen Erwartungshaltungen im Verlauf des Buches einige Male korrigiert und auch enttäuscht werden. Bei Rabea Edel ist vielmehr der Weg das Ziel, da sie mit dem Leser spielt und ihn durch Andeutungen lockt und herausfordert. 

Wie ein DJ, der verschiedene Stücke ineinander mixt, verwebt Rabea Edel mal mehr, aber meistens weniger die beiden Handlungsstränge, so dass sich der Leser am Ende gar nicht mehr sicher sein kann, wie tief die Zusammenhänge tatsächlich sind. Rabea Edel verlangt einiges von ihren Konsumenten: Die vielen Perspektivwechsel, glücklicherweise mit exakten Datums- und Ortsangaben zu Beginn eines jeden Kapitels versehen, fordern einen ständigen Kameraschwenk des Betrachters. Darüber hinaus streut Rabea Edel bevorzugt punktuelle Hinweise und Informationen, ohne jemals ein Gesamtbild zu beschreiben oder Hintergründe zu schildern, wie dies ein geradliniger Geschichtenerzähler machen würde. 

Trotz der Kürze von 192 Seiten kommt beim Rezipienten kein Leserausch zustande, der ihn das Buch in kürzester Zeit verschlingen lässt. Rabea Edels "Ein dunkler Moment" ist Lesearbeit, die vom Konsumenten verrichtet werden muss. Hat man dies aber einmal als Erwartungshaltung angenommen, so wird man sich daran begeistern, wie manipulativ das Verhältnis von Autor und Leser gestrickt sein kann. Darüber hinaus schockiert Rabea Edel mit ihrer nüchternen Darstellung menschlicher Abgründe, die unspektakulär geschildert, aber nicht bewertet werden. Dies überlässt sie dem Leser, wie so vieles in diesem Buch abseits des literarischen Mainstreams. 

Christoph Mahnel 
04.04.2011

 
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Das Buch:

Rabea Edel:
Ein dunkler Moment

Bild: Buchcover Rabea Edel, Ein dunkler Moment

München: Luchterhand Literaturverlag 2011
192 S., € 18,99
ISBN: 978-3-630-87338-1

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