Romane

Eine (literarische) Liebe, die nie vergehen soll

Einst als Diplomatin tätig hat sich Mathilde in der Blüte ihres Lebens für eine neue Karriere entschieden. Die Buchbinderei hat es der jungen Frau schon als kleines Kind angetan. Damals stand sie an der Seite ihres Großvaters, wenn dieser zerfallenen Büchern neuen Atem einhauchte und so ihrer eigentlichen Bestimmung zuführte. Für den alten Mann waren Romane große Werke, die unterhalten wollen, indem sie dem Leser ihre persönlichste Geschichte erzählen. Nun tritt Mathilde ihr Erbe an und eröffnet in einem kleinen Dorf in der Dordogne ein Geschäft. Doch dieses läuft eher zäh, denn vielen ist der Preis für Mathildes Handwerk ein viel zu hoher. 

Mathildes Alltag ändert auf dramatische Weise, als ein fremder Mann ihren Laden betritt und mit einem lukrativen Auftrag winkt. Er hält ein altes Buch mit Brandspuren in seinen Händen und beteuert gegenüber der Buchbinderin, dass dem Buch eine schönere Bestimmung als die jetzige zukommen wird. Es vergehen nur wenige Stunden, in denen Mathilde in ihrer Arbeit aufgeht und sich der Liebe zu dem Buch mit Leib und Seele hingibt, als ein Unfall in dem französischen Örtchen für große Aufregung sorgt. Den Schilderungen eines befreundeten Bäckers zufolge, erlitt ein Mann schwerste Verletzungen, als er von einem LKW erfasst wurde. Wie Mathilde im Krankenhaus erfahren muss, handelt es sich bei dem Fremden um ihren Kunden, der kurz zuvor das alte Buch in ihre treuen Hände gegeben hat. Und sie weiß, dass er dieses Werk nicht mehr abholen wird. 

Als Mathildes abends in den Laden zurückkehrt, ist ihre Neugierde geweckt. Beim Durchblättern fallen ihr Bleistiftzeichnungen und Aquarelle einer galloromanischen Tempelanlage in einem Wald auf. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das Land vor ihrem Haus, das auf den Seiten für die Ewigkeit gebannt ist. Als sie kurz darauf beim Restaurieren eine im Rücken verborgene, handgeschriebene Namensliste entdeckt, macht sich Mathilde auf, dem Geheimnis des Buches nachzukommen. Im Laufe ihrer Recherchen stößt sie in eine dunkle Vergangenheit, die das ganze Dorf betrifft. Es ist eine dramatische Geschichte aus der Zeit der deutschen Besatzung, die ihr erzählt wird und die sie zum Staunen bringt. Denn auch sie spielt darin eine ungeahnte Rolle ... 

Die Französin Anne Delaflotte ist eine der großen Entdeckungen dieses Bücherfrühlings und erfreut den Leser mit einem ungewöhnlichen Prosawerk, das einem Zeugnis über die immerwährende Liebe zur Literatur gleichkommt. "Mathilde und der Duft der Bücher" ist einer von den Romanen, die mit ihrer sprachlichen Schönheit einem melodischen Lied gleicht, das einem bei der Lektüre entgegenschwebt und umweht. Die Geschichte hebt sich wegen ihrer atmosphärischen Dichte, stimmungsvollen Kulisse und poetischen Sprache deutlich von anderen Werken ab und gerät so zu einem literarischen Kleinod, an der sich der Leser laben kann - und auch wird. Anne Delaflottes Debüt kann sich sehen lassen, denn "Mathilde und der Duft der Bücher" ist betörende Literatur auf hohem Niveau und doch mit einer Leichtigkeit behaftet, die beschwingter und freier macht. 

Susann Fleischer 
21.03.2011

 
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Das Buch:

Anne Delaflotte:
Mathilde und der Duft der Bücher. Aus dem Französischen von Christian Kolb

Bild: Buchcover Anne Delaflotte, Mathilde und der Duft der Bücher

Reinbek: Kindler Verlag 2011
256 S., € 17,95
ISBN: 978-3-463-40593-3

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