Romane

Von den schwarzen und weißen Tasten, die die Welt bedeuten

Der Ort ist Oslo, das Jahr 1971. Der gerade einmal neunzehnjährige, außerordentlich begabte Pianist Aksel Vinding befindet sich in einer tiefen Lebenskrise. Der Selbstmord seiner Frau Marianne hat nicht nur eine klaffende Lücke in seiner Welt hinterlassen, sondern ihm auch jeglichen Halt in seinem Leben genommen. Vor kurzem ist ihm ein spektakuläres Debütkonzert gelungen, doch nun erscheint ihm seine Zukunft als Musiker ungewiss. Aksel lässt sich gehen und beginnt zu trinken - es scheint ihm, als ob er Mariannes Tod niemals verkraften wird. Aksels Agent und seine Klavierlehrerin setzen sichtlich alles daran, den jungen Musiker so schnell wie möglich wieder zu Sinnen zu bringen, doch er empfindet die Bemühungen der beiden als Unterdrückung. Aksels Reaktion ist radikal: Er nimmt keine Stunden mehr und sagt die für ihn geplante Europatournee ab. 

Zusätzlich beginnt für Aksel in Oslo der Boden unter den Füßen zu brennen. Doch schließlich bietet sich ihm ein Ort an, an dem er Zuflucht suchen kann: ein Internat in Skogfoss in Nordnorwegen. Er kann zwar nicht von sich behaupten, sich in der Gesellschaft der Schüler sonderlich wohl zu fühlen, denn zu der Popmusik, die sie mögen, hat er überhaupt keinen Zugang. Sein Grund für seine Flucht nach Skogfoss ist ein anderer: Sigrun, die Schwester seiner verstorbenen Frau, die dort als Ärztin tätig ist. Sigrun, genannt "Die Frau im Tal", ist 32 Jahre alt und glücklich verheiratet. Doch egal, was Aksel tut: Dagegen, dass Sigrun ihn an seine verstorbene Frau erinnert, kann er sich schlicht nicht wehren. Zudem erweist sich seine Schwägerin als hervorragende Violinistin, die sich nur auf das Drängen ihrer Eltern hin gegen eine professionelle Karriere als Musikerin entschied. Schließlich kommt, was kommen muss und weder Aksel noch Sigrun können etwas dagegen tun ... 

"Die Frau im Tal" macht schnell eins deutlich: Noch mehr als um Musik geht es in diesem Roman um die Gefühle und das Innenleben des jungen Aksel. Die emotionale Belastung, der er durch den Verlust seiner geliebten Marianne ausgesetzt ist, quittiert er hierbei seinem Alter voll und ganz entsprechend. Denn ganz egal, wie reif er sich gibt - die Tatsache, dass er im Grunde letztendlich doch nur ein Neunzehnjähriger ist, der seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat, kann er nicht verbergen. Instinktiv benutzt Aksel seinen Narzissmus und seine trotzig-rebellische Ader, um seine Unsicherheit zu überspielen und entpuppt sich so als schillernder Protagonist, wie man ihn sich glaubhafter und lebendiger nicht wünschen könnte.

All dies wird von dem norwegischen Autor Ketil Bjørnstad in einem bemerkenswert markanten Stil geschildert. Die aus überwiegend kurzen Sentenzen bestehenden, betont schmucklosen Schilderungen und Dialoge koexistieren mit Aksels geradezu rauschhaft dargestelltem Erleben von Musik und bilden so einen überaus reizvollen Kontrast. Es hat geradezu den Anschein, als wollte Bjørnstad auf diese Weise unterstreichen, wo Aksels Prioritäten liegen und wie schier unmöglich es ihm erscheint, in der Realität die Sicherheit zu finden, die ihm die Welt der Musik bietet. Das Ergebnis ist die ergreifende Geschichte des Scheiterns eines Antihelden par excellence. Ein durch und durch ergreifendes Buch, das auch anspruchsvolle Leser mit seinem rohen Emotionalität und Finesse mitreißen wird. 

Johannes Schaack 
14.02.2011

 
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Das Buch:

Ketil Bjørnstad:
Die Frau im Tal. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider

Bild: Buchcover Ketil Bjørnstad, Die Frau im Tal

Berlin: Insel Verlag 2010
334 S., € 22,90
ISBN: 978-3-458-17477-6

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