Romane

Trauma und Fürsorge

Klara sitzt im Gefängnis weil sie ihren Stiefvater umgebracht hat. Nach ihrem Geständnis verweigert sie jegliche weitere Auskünfte über die Hintergründe ihrer Tat. Selbst mit dem Gefängnisalltag hat sie sich abgefunden. Der Pflichtverteidiger und einige der Wärterinnen verachten sie für ihre Tat. Doch das ist ihr merkwürdigerweise egal. Der Gefängnisseelsorger ahnt, dass mehr hinter der Fassade von Klara und ihrer Tat steckt. Seine Frau, eine Psychiaterin, bestärkt ihn in seinem Verdacht. Während er und seine Frau beginnen, die Umstände von Klaras Leben und Verbrechen zu erforschen, fängt Klara an, ihre Geschichte in Notizhefte zu schreiben.

Das große Thema des Romans "Bitte, tu mir nicht weh" ist anhand des Titels und des einfachen aber wirkungsvollen Covers schon recht klar: sexueller Missbrauch. In seiner Schilchtheit, der aber doch größte Verzweiflung ausdrückt, ist der Titel sehr gelungen. Auch wenn die Erzählperspektive des Buches am Anfang nicht konsequent verfolgt wird und erst nach einiger Zeit die Erzählperspektive begründet wird (durch die Niederschrift der Geschichte durch die Heldin), wird die Geschichte eindrucksvoll geschildert. Regina Enders beschreibt ein trostloses Kinderleben hauptsächlich aus der Perspektive des Kindes beziehungsweise einer Heranwachsenden. Diese Kombination mit dem Thema des Missbrauchs und der Vernachlässigung - Themen die man als gesunder Mensch nicht verstehen kann - schafft ein beunruhigendes und erschütterndes Buch.

Die Mechanismen des Vergehens werden logisch und psychisch nachvollziehbar geschildert. Warum etwa die Heldin den sexuellen Missbrauch erträgt, wie sie der Vernachlässigung begegnet und der vielfältigen Ausnutzung entgegentritt, ist für den Leser plausibel gestaltet. Um die kleinere Schwester zu schützen, nimmt Klara das Leid auf sich. In der Übernahme der Verantwortung gegenüber einer noch schwächeren, muss sie die Hölle durchqueren - und zwar so sehr, dass sie sich schlussendlich im Gefängnis wohlfühlt und dennoch erschütternderweise der Überzeugung ist, dass sie ihre Strafe verdient hat. In moralischer Hinsicht sieht sich der Leser dabei auf der Seite der "Mörderin" und umso mehr trifft ihn die Schuldzuweisung der Hauptfigur.

Es mag zwar etwas konventionell sein, dass sich Helfer finden, die Klara unterstützen, aber das ermöglicht zusätzliche Perspektiven auf das Geschehen. Allerdings ist die Konstellation der Helfer etwas überkonstruiert und damit büßt die Situation etwas an Glaubwürdigkeit ein. Da die Polizei aber nur am Rande der Handlung auftaucht, ist der Roman von Regina Enders gleichzeitig ein Aufruf zu mehr Zivilcourage. Viele Andeutungen während der Nachforschungen halten den Leser bei der Stange. Glaubwürdig eskaliert die Situation in dem schwierigen Elternhaus, ohne dass Enders auf den Effekt zielt. Das wäre bei diesem Thema auch fatal. Auch ist es nachvollziehbar, wie der Gefängnisseelsorger langsam Zugang zu dem traumatisierten Mädchen findet.

Erschütternd realistisch wird ein schmerzhaftes Thema behandelt. Doch "Bitte, tu mir nicht weh" ist auch wegen der Krimihandlung gut lesbar. Psychologisch stimmig werden die tiefen Verwundungen eines misshandelten Mädchens aufgezeigt. Hoffentlich läuft man nach der Lektüre mit offeneren Augen umher, um anderen Mädchen und Frauen helfen zu können.

Jons Marek Schiemann
03.01.2011

 
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Das Buch:

Regina Enders:
Bitte, tu mir nicht weh

Bild: Buchcover Regina Enders, Bitte, tu mir nicht weh

Frankfurt am Main: Frankfurter Literaturverlag 2010
212 S., € 13,40
ISBN: 978-3-86548-972-2

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