Romane

Rolf Dobellis spannende Einwanderersaga: Massimo Marini

Massimo Marini wird von seinen Eltern als Baby in einem Koffer in die Schweiz geschmuggelt. Als die Familie endlich das Bleiberecht erhält, geht es zunächst erst einmal aufwärts. Der Schweizer Rolf Dobelli hat mit "Massimo Marini" ein spannendes Einwanderporträt geschaffen.

Schwer gebeutelt von Depressionen lässt sich Wyss in ein Sanatorium einweisen. Ein Psychotherapeut empfiehlt dem 63- Jährigen, seine eigene Geschichte aufzuschreiben. Doch das, was dieser zu Papier bringt, ist die Geschichte von Massimo Marini, dem Sohn einer italienischen Fremdarbeiterfamilie in der Schweiz. Er ist titelgebend für den neuen Roman des Schweizers Rolf Dobelli, der darin sowohl brisante Zeitgeschichte als auch aktuelle Tagespolitik verarbeitet. Mit Wyss und Marini schuf er zwei gegensätzliche Pole, die für durchgehende Spannung sorgen.

Wyss ist Marinis Anwalt und - wie es anfangs scheint - nur sehr oberflächlich mit diesem verbunden. Doch dann serviert er in seinem therapeutischen Bericht scheibchenweise Details aus Marinis Leben, die ein komplexes Bild des gebürtigen Italieners zeichnen. Das ist gigantisch ist seiner Farbigkeit und Gegensätzlichkeit: erst arm, dann reich, erst links, dann rechts, erst steiler Aufstieg, dann tiefer Fall. Und das alles eingebunden in eine Familiensaga, die ihresgleichen sucht.

Sie beginnt in den 50er Jahren, als der junge Süditaliener Giovanni Marini in der Schweiz einen Gastarbeiterjob bekommt und sich davon ein Leben fernab der quälenden Armut seines Heimatdorfes in Apulien verspricht. Auf abenteuerliche Weise schmuggeln er und seine Frau auch den kleinen Sohn Massimo in das Wohlstand versprechende Land, in dem sie noch kein Bleiberecht auf Dauer haben und schon gar nicht als Familie leben dürfen. Aber es gelingt, und Massimo wächst in einer liebevollen, später dann auch eingebürgerten Familie auf.

Irgendwann beginnt der Junge zu rebellieren, als er sieht, dass sein inzwischen erfolgreicher Vater vom gedemütigten Gastarbeiter zum kapitalistischen Großkotz mutiert. Und so wendet er sich der linken Szene zu, ist Fan der 68er-Bewegung, wird zum Aktivisten der Anti- Atombewegung und lernt ein junges Pärchen kennen, von dem der weibliche Part bei einer Protestbewegung ums Leben kommt, der männliche hingegen später noch eine Rolle in Marinis Leben spielen wird. Der Tod der jungen Frau ist ein Wendepunkt in Massimos Leben.

Er übernimmt das Geschäft seines Vaters, wird noch erfolgreicher als dieser, heiratet, bekommt einen Sohn, verliebt sich neu und muss den Tod seines Sohnes verarbeiten. Alles, was geschieht, ist von einer überbordenden Fülle, die selbst die Protagonisten mitunter zu überfordern scheint, und voller Symbolik.

Einiges ist nicht ganz stimmig in den Aufzeichnungen des Anwalts und chronologisch schwer einzuordnen. Anderes wiederum erinnert mehr an ein Märchen als an die Realität. Dennoch: insgesamt eine spannende und lesenswerte Geschichte.

Frauke Kaberka, dpa
20.12.2010

 
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Das Buch:

Rolf Dobelli:
Massimo Marini

Bild: Buchcover Rolf Dobelli, Massimo Marini

München: Knaur Verlag 2010
432 S., € 12,99
ISBN: 978-3-426-65240-4

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