Romane

Kindheitserleben zwischen Realität und Phantasie

Karin Böhm hat mit "Kroki" versucht Kindheitserinnerungen niederzuschreiben. Was dem Leser zuteil wird sind kurze, meist ein- oder zweiseitige Berichte aus dem Erlebten. Mitunter driften diese Erzählungen ins Phantastische ab, zumindest könnte man das meinen, doch vielmehr sind es Fetzen der Erinnerung im Heute an das Damals - aufgeteilt in 37 Kapitel. Kapitel, die zum einen erzählen von dem Kind und seinen Erfahrungen im Kindesalter, zum anderen von Gesprächen im Hier und Jetzt, mit Kaspar.

Das Kind nimmt eine kühle, schnelllebige Welt wahr, in der die Abläufe nicht auf einen warten. Alles kommt, wie es kommen muss. Es erfährt am eigenen Leib eine wenig herzliche Beziehung zur Mutter. Eine Mutter, die sich kümmert, ihren Verpflichtungen nachkommt, aber darüber hinaus nicht mehr unternimmt, um eine liebevolle Beziehung zu dem Kind aufzubauen. Eine Mutter die auf Abstand bleibt, keinen wirklichen Zugang zum Kind hat, seine Träumereien als Krankheit abtut und einen Arzt aufsucht. Dann ist da noch der Vater, der lieber einen Sohn gehabt hätte und der selbst mit guten Noten nicht zufrieden ist und das Kind stets spüren lässt, wo es in seiner Gunst steht. Und ebenso einen Vater der tut, was er tun muss, schließlich kann er nichts daran ändern, dass das Mädel wieder einmal kein Bub geworden ist.

Und dann ist da noch Kaspar. Im Tessin. Er hört geduldig zu, stellt aber auch Fragen. Sie berichtet von dem Kind, welches in ihrem Träumen immer Fragen stellt. Einerseits will sie diese beantworten, um das Kind zufriedenzustellen, andererseits möchte sie, dass das Kind fernbleibt. Fragen zwingen einen Menschen dazu, sich mit ihnen zu beschäftigen, in diesem Fall mit Erinnerungen an die Kindheit, an die Eltern. Aber woher kommen das Kind und seine Fragen? Und warum? Sind es stumme Fragen? Sind es schuldig gebliebene Antworten? Sind es offen gebliebene Fragen? Spielt hier die Phantasie einem einen Streich?

Tatsache ist, dass man immer wieder zwischen den Zeilen lesen kann und muss. Auf viele Fragen gibt es eine Antwort, ob sie nun schön ist oder nicht, hilfreich oder nicht. Man bekommt einen Einblick und muss unwillkürlich darüber nachdenken. Gedanken, die einem nicht nur gefallen, einen traurig stimmen.

61 Seiten auf den Punkt gebracht durch eine ganz besondere Erzählweise, einen ganz eigenen Stil. Eben die persönliche Note der Autorin Karin Böhm, die auf diese Weise mitten drin ist und doch von außen auf das Geschehen schauen kann. Unterhaltung der anderen Art und ein Blick ins tiefe Innere.

Tanja Küsters
15.11.2010

Eine Lesung aus diesem Buch finden Sie hier:
http://www.autoren-tv.de/vorschaltseiten/boehm_intro.html 

 
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Das Buch:

Karin Böhm:
Kroki

Bild: Buchcover Karin Böhm, Kroki

Frankfurt am Main: Weimarer Schiller-Presse
61 S., € 7,90
ISBN: 978-3-8372-0334-9

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