Romane

In einer kleinen Stadt

In der US-amerikanischen Kleinstadt Monarch ist seit kurzem nichts mehr, wie es war. Der Verantwortliche: ein junger Mann namens Rob Castor. Als junger Schriftsteller hatte er es nicht nur durch seine Schreibkunst, sondern auch durch seine einnehmende Persönlichkeit zu beachtlichem Ruhm gebracht. Hierbei ist es ihm sichtlich gelungen, ein wenig von seinem charismatischen Glanz an das blasse, fade Monarch abzugeben. Soviel steht fest: Trotz Robs enfant-terrible-Image war die Bevölkerung des verschlafenen Nestes stolzer auf ihr literarisches Wunderkind, als die meisten von ihr zugeben mochten.

Als Rob als Resultat einer schweren Lebenskrise zuerst seine Freundin Kate erschießt und dann selbst tot aufgefunden wird, verfällt ganz Monarch in einen tiefen Schock. Die Medien schalten sich ein und so mancher von Robs ehemaligen Freunden und Bekannten wittert nun seine Chance auf ein paar Sekunden im Rampenlicht. Nick, Robs bester Freund, hegt keinerlei solche Ambitionen. Vielmehr kann er kaum fassen, welches Loch der Verlust von Rob in sein Leben gerissen hat - obwohl sich die beiden in den letzten Jahren eher auseinandergelebt hatten. Auch Nicks Ehe und sein Job beginnen schließlich, unter der Krise zu leiden, die plötzlich von seinem Leben Besitz ergriffen hat.

Warum die Bindung zwischen ihm und dem schillernden Rob während seiner Kinder- und Jugendzeit so fest war, kann sich Nick noch immer nicht erklären. Denn unterschiedlicher hätten die beiden nicht sein können: Während Rob den Status eines Paradiesvogels genoss und sich schließlich in Künstlerkreisen in New York zu bewegen begann, zog es den in jeder Hinsicht durchschnittlichen Nick nie aus dem ebenso mittelmäßigen Monarch hinaus. Nick beginnt regelrecht in der Vergangenheit zu leben, in der er und sein begabter, charismatischer Freund stets unzertrennlich waren. Schließlich erfährt er nicht nur Dinge über Rob, über die er bislang im Dunkeln war, sondern auch über sich selbst ...

Obwohl nicht nur ein, sondern gleich zwei Morde den Dreh- und Angelpunkt von "Was niemand sah" bilden, wird schnell deutlich, dass der US-amerikanische Autor Eli Gottlieb keinen Kriminalroman vorgelegt hat. Es ist offensichtlich, dass der durch und durch passive Nick eigentlich gar keine Absicht besitzt, die Umstände von Robs Tod zu ermitteln, denn hierfür sitzt der Schock über den Verlust seines Freundes schlicht zu tief für ihn. Die Enthüllungen ereignen sich entweder durch schieren Zufall oder aus simplen Bauchentscheidungen seinerseits heraus. Das Ergebnis ist eine Verkettung von überraschenden Ereignissen, auf die Nick genauso wenig Einfluss hat. Nick erweist sich somit als Antiheld par exellence und auch bei der Gestaltung der Nebenfiguren des Romans greift Gottlieb niemals auf simple Schwarzweißmalerei zurück.

"Was niemand sah" ist somit alles andere als eine plakative Anprangerung der allzu oberflächlichen Kleinstadtidylle des verschlafenen Monarch. Vielmehr ist der Roman von einer viel subtileren Sozialkritik geprägt, die somit noch viel effektiver wirkt. All dies wird dem Leser mit einem meisterhaft ausgearbeiteten Spannungsbogen dargeboten, der die Wahrheit nur Stück für Stück offenbart und Längen erst gar nicht aufkommen lässt. Das Ergebnis ist eine ebenso beißende wie fesselnde Kritik am Mythos des "American Dream", die mit überraschenden Wendungen nicht spart und oftmals nachdenklich stimmt. Ein eindrucksvoller Beweis, dass sich Spannung und Tiefgang nicht ausschließen müssen - nicht nur für Fans des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten.

Johannes Schaack
15.11.2010

 
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Das Buch:

Eli Gottlieb: Was niemand sah. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt

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Mnchen: Droemer Verlag 2010
285 S., 19,99
ISBN: 978-3-426-19889-6

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