Romane

Biedermeier-Krimi über den "Seelenarzt" Hoffmann

Konservativ und hausbacken ging es in den deutschen Ländern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu. Inmitten dieser biedermeierlichen Langeweile lebte in Frankfurt der Arzt Heinrich Hoffmann (1809-1894), der weniger durch seine Neuerungen in der Psychiatrie als durch ein kleines Traktat für Kinder weltberühmtwurde: den "Struwwelpeter".

Ruth Berger hat sich um ihre Heimatstadt Frankfurt wahrlich verdient gemacht. Nach ihrem "Gretchen"-Porträt der Reichsstadt im zu Ende gehenden 18. Jahrhundert schildert sie in ihrem neuen historischen Roman "Der Seelenarzt", wie es sich ein halbes Jahrhundert später zwischen Mainufer, Paulskirche und Börse leben ließ. Dieses Mal hat sie den Leiter der Frankfurter "Anstalt für Irre und Epileptische", Heinrich Hoffmann, in den Mittelpunkt gestellt, der als Verfasser des Kinderbuches "Der Struwwelpeter" in Erinnerung geblieben ist.

Kenntnisreich und fabulierfreudig erzählt Berger ebenso von der Karriere des gutmütigen Heinrich wie von seinem glücklichen Familienleben. Gattin Therese war mit viel Geduld gesegnet, denn ihr Gemahl war kaum zu Hause. Sah er nicht in der Irrenanstalt nach dem Rechten, erheiterte er die Frankfurter Gesellschaft mit Spottversen oder paffte in politischen Zirkeln seine unvermeidliche Zigarre. Mit der Gemütlichkeit war es allerdings vorbei, als die junge Wäscheverkäuferin Pauline Franckh in seine Klinik gebracht wurde. Die Patientin gab ihm Rätsel auf: Sie hörte Stimmen und behauptete, ihr Körper gehöre nicht mehr zu ihr.

Weder Rizinus noch Blasenpflaster, weder kalte Güsse noch die Zwangsjacke - die damals üblichen Behandlungen seelisch Kranker - verbesserten den Gemütszustand des Mädchens. "Es gibt zwar Leute, die glauben, man könnte Seelenkrankheiten heilen, indem man mit den Kranken über ihre Sorgen redet. Doch Hoffmann kann über solche Ansichten bloß lachen." Aus Sympathie für das Mädchen wirft er dennoch schließlich alle Bedenken über Bord und beginnt zuzuhören, was es zu sagen hat. Und das ist ungeheuerlich: Eine Geschichte von Inzest, Kidnapping und Mord vertraut die von Schuldgefühlen gequälte Pauline ihrem Arzt an. Eine zentrale Rolle in ihrer Tragödie scheint Theodor, das Ziehkind der reichen und mit Hoffmann befreundeten Kaufmannsfamilie Passavant, zu spielen. Hoffmann beginnt zu erahnen, welche Abgründe hinter den putzigen Fassaden spießbürgerlicher Wohlanständigkeit klaffen.

Wie schon in ihrem Roman über das "Gretchen", jene bedauernswerte Dienstmagd, die, als Kindsmörderin öffentlich hingerichtet, von keinem geringeren als dem Dichterfürsten Goethe selbst im "Faust" verewigt wurde, versetzt sich Ruth Berger auch hier wieder so tief ins historische Stadt- und Gesellschaftsleben, dass sich der Leser unmittelbar in eine andere Zeit versetzt sieht. Berger ist eine umfassend gebildete Frau. Sie hat mehrere Sprachen und Biologie studiert, in Judaistik promoviert und recherchiert die Hintergründe ihrer Romane mit wissenschaftlicher Akribie. Das stimmt nicht nur jedes Detail. Selbst die Dialoge sind den Sprach- und Denkgewohnheiten vor 150 Jahren genauestens nachempfunden.

Mit liebevoller Ironie beschreibt sie ihre Figuren mit all ihren Schwächen, wobei sie nebenbei auch die himmelschreiend ungerechten Verhältnisse in einer Ständegesellschaft bloßlegt. Leser, die einen Roman über den "Struwwelpeter" erwarten, werden indes enttäuscht. Dessen Entstehung als pädagogisches Weihnachtsgeschenk für Heinrichs ältesten Sohn Carl wird zwar geschildert, aber nur beiläufig. Hoffmann selbst hatte die Aufregung um das Buch nie verstanden. Dafür aber ergänzt Berger ihre Biografie durch einen historischen Kriminalfall, dessen Aufklärung die Leser bis fast zum Schluss in Hochspannung versetzt.

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
11.10.2010

 
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Das Buch:

Ruth Berger:
Der Seelenarzt

Bild: Buchcover Ruth Berger, Der Seelenarzt

Reinbek: Kindler Verlag 2010
460 S., € 19,95
ISBN 978-3-4634-0568-1

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