Romane

Ein Mann geht in den "Untergrund"

Für Aiden Walsh kommt es ganz dick, als er erfährt, dass sein Arbeitgeber "Sunny Jim Electronics" seine Produktion nach Asien verlagert und er deswegen in wenigen Wochen auf der Straße stehen wird. Dabei hat er sich jahrelang für das Waliser Unternehmen aufgeopfert und will nichts sehnlicher, als dies bis zu seiner wohlverdienten Rente tun. Danach kann er sich beruhigt zurücklehnen und die letzten Lebensjahre von ganzem Herzen genießen. Doch da wird sein Plan allerdings von der geldgierigen Geschäftsführung jäh durchkreuzt. Schließlich beruhigt ein Bonus von 750.000 Pfund das schlechte Gewissen enorm. Aiden erkennt, dass er etwas gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit unternehmen muss und fasst einen Plan: Er will sich lebendig begraben lassen und solange unter der Erde verharren, bis "Sunny Jim Electronics" endlich einlenkt und der Firmenumzug nach Asien abgeblasen wird.

Aiden begibt sich in das nächstgelegene Beerdigungsinstitut, kauft sich den billigsten Sarg, den es für seinen mickrigen Lohn gibt, nimmt sich zwei Wochen Urlaub und schreibt eine Pressemitteilung, die die örtlichen Medien aufschrecken soll für diese eher ungewöhnliche Aktion. Es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis die Geschäftsleitung von "Sunny Jim Electronics" einlenkt und öffentlich verspricht, dass weder Aiden noch seine alternden Freunde um ihre Jobs bangen müssen. Doch kaum liegt er zwei Meter tief in seinem Garten, muss er mit anhören, wie er und seine beiden Kinder aufs Schlimmste verunglimpft werden und Lügen die Runde machen. Und dies alles nur, weil das Unternehmen partout nicht einlenken möchte und sich - nach eigenen Angaben - von nichts und niemanden unter Druck setzen lässt. Schließlich wäre es nichts anderes als Erpressung, was Aiden veranstaltet, wenn er sich lebendig begraben lässt. Für diesen ist bald klar: Egal, was er tut und macht, "Sunny Jim Electronics" wird das Werk in Wales um jeden Preis schließen. Also muss ein anderer Plan her.

Dieser scheint gefunden, als Sohn Dylan einen waghalsigen Vorschlag wagt: Aiden soll in die Politik gehen und als unabhängiger Kandidat gegen die Labour-Partei ins Feld ziehen. Sobald er den Wahlkampf gewonnen hat, kann Aiden sicherlich dafür sorgen, dass "Sunny Jim Electronics" im Ort ansässig bleibt und niemand den Hut nehmen muss. Während Aiden länger als geplant unter Tage bleibt, zieht sein Sohnemann eine riesige Wahlkampfmaschinerie auf, die in der Öffentlichkeit für viel Aufmerksamkeit sorgt. Und es besteht durchaus eine reelle, wenn auch sehr kleine Chance, dass Aiden als Abgeordneter großes Geld verdient, während seine Freunde ihrem alten Job nachgehen müssen. Er muss nur noch das Volk auf seine Seite ziehen und mehr Stimmen bekommen als Gegenkandidat Nigel Watkins.

Ein Roman über den kleinen Mann, der gegen das System ankämpft und gewinnt - darüber erzählt "Ab nach unten", der erste Roman des gebürtigen Walisers Rey French. Mit ganz viel britisch-schwarzem Humor, einer kräftigen Prise Charme und dem richtigen Maß an Tiefsinn entwirft French hier eine Gesellschaftssatire, die sich gewaschen hat. Man liest dieses Buch, lacht währenddessen und runzelt manches Mal die Stirn, wenn man anfängt über die Story nachzudenken. Diese Vielfalt an Emotionen macht die Lektüre von "Ab nach unten" besonders attraktiv, denn selten sind 416 Buchseiten so amüsant und hintersinnig geschrieben wie in diesem Fall. Es ist beinahe so, als verginge bei der Lektüre die Zeit wie im Fluge. Und nach dem Schließen des Buches wundert man sich, warum es draußen schon dunkel ist, denn schließlich hat man erst vor wenigen Minuten erst angefangen zu lesen - so glaubt man es zumindest. Ray French ist hier eine Geschichte gelungen, die herrlich skurril und außergewöhnlich ist, sich aber leider noch nicht allzu häufig auf dem heutigen deutschen Buchmarkt findet. Gelungen von der ersten bis zur letzten Seite!

Susann Fleischer 
06.09.2010 

 
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Das Buch:

Ray French:
Ab nach unten. Aus dem Englischen von Martin Ruben Becker

Bild: Buchcover Ray French, Ab nach unten

München: dtv 2010
416 S., € 8,95
ISBN: 978-3-423-21236-6

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