Romane

Ziemlich turbulent

Die Landung der alliierten Truppen in der Normandie hat Giles Foden als geschichtliches Thema in den Mittelpunkt seines neuen Romans "Die Geometrie der Wolken"gestellt. Die Oberbefehlshaber der alliierten M?chte ben?tigten im Sommer 1944 eine langfristige und ?u?erst g?nstige Wetterprognose f?r den Tag der Landung, gemeinhin auch als D-Day bekannt, da ihre Anforderungen an das Wetter aufgrund des konzipierten Schlachtplans sehr hoch und komplex waren.
Die bedeutendsten Meteorologen ihrer Zeit arbeiteten seinerzeit an dieser oft als wichtigste Wetterprognose der Geschichte bezeichneten Herausforderung und dies mit durchaus unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansichten. Anno 1944 waren Wetterprognosen bereits ab dem zweiten Tag in die Zukunft nur noch sehr vage und mit wenig verl?sslichen Wahrscheinlichkeiten versehen. Selbst heute ist die Wissenschaft der Lehre vom Wetter bei Prognosen ab Tag Vier noch auf wackligen F??en stehend.

Zum Zwecke der Verbesserung der Wettervorhersehbarkeit wird der junge Wissenschaftler Henry Meadows zu Beginn des Jahres 1944 nach Schottland geschickt, um den dort zur?ckgezogen lebenden Wallace Ryman aufzusuchen. Ryman war einst ein sehr bedeutender Meteorologe, der mit der nach ihm benannten Ryman-Zahl ein System kreiert hatte, mit dem man h?chst pr?zise Wettervorhersagen erzielen konnte. Doch der Qu?ker Ryman hat der Meteorologie der R?cken zugekehrt und widmet sich fortan dem Studium der Friedensforschung. Meadows? Aufgabe, mehr ?ber die Ryman-Zahl und ihre praktische Anwendbarkeit herauszufinden, scheint unl?sbar, da Ryman Meadows schnell durchschaut hat und keinesfalls gedenkt, ihm sein System auf dem Silbertablett zu pr?sentieren, schon gar nicht f?r einen Einsatz im Rahmen des Krieges. Rymans j?ngere und attraktive Frau Gill begegnet dem jungen Meadows ebenfalls unkonventionell, jedoch bei weitem nicht so kauzig wie ihr Ehemann. Als sich eines Tages Meadows und Ryman dennoch aufeinander zubewegen, geschieht die gro?e Katastrophe und sorgt f?r den Wendepunkt des Romans.

Giles Foden ist ein in Afrika aufgewachsener englischer Journalist, der 1998 mit seinem Erstling "Der letzte K?nig von Schottland" die Romanvorlage f?r die gleichnamige und oscarpr?mierte Verfilmung geliefert hat. F?r den vorliegenden Roman hat er Unmengen an Recherchearbeit geleistet, da sowohl die sehr zahlreichen meteorologischen Exkurse als auch die Schilderungen der entscheidenden Tage vor dem 5. und 6. Juni 1944 sehr fundiert daherkommen und auch stichprobenartigen ?berpr?fungen standhalten.
Des Weiteren l?sst Foden noch einige andere Forscher und deren wissenschaftliche Ans?tze zu Wort kommen, wie zum Beispiel den Rhesus-Faktor oder Pykerete, ein sehr spezielles Material. Letzteres kommt in der Rahmenhandlung vor, die angesiedelt im Jahre 1980 den alten Meadows Eisberge aus der Antarktis nach Saudi-Arabien verschiffen l?sst, w?hrend er sich der turbulenten Tage 36 Jahre zuvor erinnert.

Turbulenz ist nicht nur die ?bersetzung des englischen Originaltitels, sondern auch der integrale Bestandteil des meteorologischen Ansatzes, mit dem es Meadows schlie?lich gelingt, die entscheidende L?cke in der Anfang Juni 1944 am Kanal herrschenden Schlechtwetterperiode zu erkennen und vorherzusagen. Wie Foden im Nachwort schreibt, ist Wallace Ryman das fiktive Pendant zu Lewis Fry Richardson, einem relativ unbekannten britischen Wissenschaftler. Den Leser beschleicht im Verlaufe des Romans das Gef?hl, als habe man Daniel Kehlmann Ken Follets "Die Nadel" erz?hlen lassen. Zwar ist es nicht die Spannung selbst, die einen durch die Handlung der Geschichte vorw?rtstreibt ? schlie?lich kennt man ja den Ausgang des Ganzen -, vielmehr ist es die atmosph?rische Dichte dieser entscheidenden Wochen und Tage und die Bedeutung jeglicher Taten in deren Verlauf, die den Leser zu fesseln wissen.

Mit "Die Geometrie der Wolken" hat Giles Foden einen Roman geschaffen, von dem man ab der ersten Sekunde wei?, dass es sich um ein ganz besonderes Buch handelt. Es ist dieses Gef?hl, das sich schwer in Worte fassen l?sst, das einen aber auch noch in Jahren vor dem eigenen B?cherregal stehend best?tigen l?sst, dass dieses bl?uliche Buch vom Aufbau-Verlag mit der Wetterkarte des ?rmelkanals vom 5./6.Juni 1944 auf dem Cover ein unvergessliches Leseerlebnis gewesen ist und dass man sich stets genau nach solchen B?chern sehnt, von denen man dies behaupten kann. Und dar?ber hinaus wird kein Leser glaubhaft versichern k?nnen, dass er in den Tagen, nachdem er "Die Geometrie der Wolken" gelesen hat, die Wettervorhersagen im Fernsehen genauso passiv konsumiert wie er dies zuvor stets getan hat. Auch kann es vorkommen, dass Wolkenbewegungen am Himmel nicht mehr nur als nett anzuschauende Launen der Natur hingenommen werden, sondern man den starken Verdacht hat, dass es sich um unterschiedliche Schichten benachbarter Wettersysteme handelt und ziemlich sicher verschiedenartige Turbulenzen eine ganz bedeutende Rolle dabei spielen.

Christoph Mahnel
05.07.2010

 
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Das Buch:

Giles Foden: Die Geometrie der Wolken. Aus dem Englischen von Hannes Meyer

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Berlin: Aufbau Verlag 2010
393 S., 22,95
ISBN 978-3-351-03292-0

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