Romane

Jugend - Und dann?

Mitte der neunziger Jahre in München: Tobias Lehnert hat just sein Studium abgeschlossen, jobbt im Flüchtlingsheim, besucht Punkkonzerte und weiß nicht recht, auf welchem Weg es für ihn weitergehen soll. Wie seine Kommilitonen einfach an der Uni zu bleiben und die Doktorarbeit anzuhängen, kommt für ihn nicht in Frage. Auf gut Glück bewirbt er sich mit einer Abhandlung über das Flippern beim "Vorn"-Magazin, der Jugendbeilage einer großen deutschen Zeitung. Sein Artikel wird angenommen und Tobias wird fortan zum ständigen Mitarbeiter eines Magazins, das zu der Zeit bei jungen Leuten tonangebenden und meinungsbildend ist.

Durch die Faszination, die das "Vorn" auf Tobias ausübt, wird es mehr und mehr zu seinem Lebensmittelpunkt, worunter seine langjährige Beziehung zu Freundin Emily leidet. Auf der einen Seite steht das angesagte Leben der Journalisten, auf der anderen Emily und die alternativen Freunde rund um die Hardcore-Band "Undone". Schon bald stellt Tobias fest, dass die zwei Seiten unvereinbar miteinander sind, hält aber beide für unverzichtbar. Mit seiner Freundin verbindet ihn eine lange, gemeinsame Zeit, die angefüllt ist mit liebevollen Erinnerungen an unbeschwerte Tage. Mit Emily verbindet er seine Jugend. Die Welt des Journalismus hingegen ist neu und aufregend für Tobias, gleichzeitig aber ein Schritt weg von seiner Jugend und ihren Idealen.

Mittelpunkt der Geschichte ist neben dem Protagonisten durchgehend das Magazin und das Milieu der angesagten Journalisten. Die Redakteure sind jung, stilsicher, trendbewusst und immer am Puls der Zeit. Sie werden es nicht leid, sich selbst zu feiern und nehmen keinen ernst, der nicht auch vielversprechend "was mit Medien" macht. Es ist davon auszugehen, dass die Schilderungen nicht allzu realitätsfern sind, da Bernard - selbst Redakteur beim Süddeutsche Zeitung Magazin - weiß, wovon er schreibt.

Gleichfalls planlos, wie Tobias sein Leben nach dem Studium angeht, so erscheint auch anfänglich der Roman. Der unwissende Leser fragt sich, wohin er geführt wird. Zur Wissenschaft des Flipperns, zur Leidenschaft für Fußball, zum Einblick in die Journalistenarbeit oder doch vielleicht zu einer Liebesgeschichte? Neben diesen Dingen handelt "Vorn" aber vor allem von den Problemen, die aufkommen, wenn man voller Faszination in eine neue Welt eintaucht, um nach einer Weile beinahe schizophren wieder aufzutauchen, weil man das Alte nicht loslassen kann.

Jennifer Mettenborg
01.03.2010

 
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Das Buch:

Andreas Bernard:
Vorn

Bild: Buchcover Andreas Bernard, Vorn

Berlin: Aufbau-Verlag 2010
250 S., € 16,95
ISBN: 978-3-351-03294-4

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