Romane

Kabale und Liebe reloaded - mit Happy End

Dass es im 21. Jahrhundert und damit fast ein Jahrhundert nach der Abschaffung des Adels und der Monarchie in Deutschland noch fast unüberwindbare Standesschranken, wie sie Schiller etwa in seinem 1784 erschienenen bürgerlichen Trauerspiel "Kabale und Liebe" darstellte, gibt, scheint den bürgerlichen Leser zunächst zu verwundern. Doch der Adel, dem 1918 per Gesetz sämtliche Privilegien genommen wurden, hält weiterhin an Tanztees, Tennisstunden, Jagdveranstaltungen und arrangierten Ehen fest - eine Welt, von der Christine Gräfin von Brühl ein Lied zu singen weiß.

Die Diplomatentochter und Nachfahrin des Heinrich Graf von Brühl, Namensgeber der Brühl`schen Terrasse in Dresden, wird ihn Ghana geboren und verbringt ihre Kindheit und Jugend in London und Brüssel. Ein Jahr in Singapur und Studienjahre in Lublin, Wien und Heidelberg runden ihre kosmopolitische Erziehung und Ausbildung ab. Kurz nach der Wende landet sie als Journalistin in Dresden, schreibt für die Sächsische Zeitung und kauft sich sogar einen Wartburg.

Auf einer Vernissage lernt sie den ostdeutschen Künstler Schrat kennen, die Liebe ihres Lebens. Doch als katholische Adlige kann sie unmöglich einen Bürgerlichen, der aus einer Zeugen-Jehovas-Familie stammt, heiraten. Oder doch? Schließlich hat sich Christine Gräfin von Brühl von ihrer adeligen Herkunft auch bisher nicht ihr gesamtes Leben diktieren lassen: Sie nimmt an einer Friedensdemonstration in Bonn teil, ist eine unabhängige Frau, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, und gilt als Intellektuelle - allesamt Eigenschaften und Verhaltensweisen, die in der Welt der Aristokraten nicht sehr geschätzt sind.

So sehr Christine Gräfin von Brühl jedoch einige der Traditionen und Moralvorstellungen ihrer adeligen Herkunft missbilligt, sie könnte nie ganz auf diese Parallelgesellschaft verzichten: Sie geht gerne auf Bälle, sie schätzt die gute Erziehung, die sie genossen hat, und sie fühlt sich unter Ihresgleichen durchaus nicht unwohl. Dennoch beschreibt sie immer wieder, wie sehr sie sich zwischen der bürgerlichen und der adeligen Gesellschaft hin- und hergerissen fühlt. Sie gehört weder zu der einen noch der anderen Welt.

Die Autorin, die schon als Journalistin für die ZEIT und die Süddeutsche Zeitung tätig war und bereits ein Buch über ihre adelige Herkunft verfasst hat, bezeichnet ihr aktuelles Werk als Roman "Out of Adel", der sich jedoch vielmehr wie eine Autobiographie liest - eine Biographie für ein paar unterhaltsame Stunden im Lesesessel.

Sabine Mahnel
11.01.2010

 
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Das Buch:

Christine Gräfin von Brühl:
Out of Adel

Bild: Buchcover Christine Gräfin von Brühl, Out of Adel

Berlin: Gustav Kiepenheuer Verlag 2010
222 S., € 18,95
ISBN: 978-3-378-00693-5

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