Romane

Der Morgen nach dem Scherbenhaufen - der neue James Frey

Memoiren sind es dieses Mal ganz bestimmt nicht. Der neue James Frey "Ein strahlend schöner Morgen" will nichts anderes sein als pure Fiktion. Sein Kaleidoskop an Geschichten spielt im Moloch Los Angeles, der Menschen mit unterschiedlichen Biografien magisch anzieht. Die Träume und Begierden eines mittellosen jungen Pärchens aus dem Mittleren Westen, eines Obdachlosen in Venice Beach, eines berühmten Filmschauspielers in Beverly Hills und einer mexikanischen Einwanderin stehen im Mittelpunkt. Um sie herum hat Frey ein packendes urbanes Porträt einer Stadt gestrickt, das schwer aus der Hand zu legen ist. "Los Angeles in Roman-Form" nennt es ein US-Kritiker.

Der 1969 in Ohio geborene amerikanische Schriftsteller ist nicht neu in der Szene. James Frey war schon mal ganz oben: Die Kritiker überschlugen sich 2003 mit Lob für seine Memoiren "Tausend kleine Scherben". Sein angeblich autobiografischer Roman vom drogenabhängigen Knasti wurde in 28 Sprachen übersetzt und 4,5 Millionen Mal verkauft. Talkshow-Queen Oprah Winfrey verhalf ihm auf ihrer Couch zum obersten Ritterschlag der amerikanischen Unterhaltungsindustrie.

Dann aber kam der Absturz. Hart und brutal. Die Webseite "Smoking Gun" bohrte nach und fand heraus, dass die Details in "Tausend kleine Scherben" fast alle erfunden oder zumindest so stark übertrieben waren, dass sie an Fiktion grenzten. Frey hatte nie drei Monate im Gefängnis gesessen, war nicht von Cops zusammengeschlagen worden, nie mit Rekord-Promille im Blut erwischt worden. Er musste auf Oprahs Couch vor der ganzen Nation öffentlich Abbitte leisten. Freunde ließen ihn fallen, sein Verlag sowieso. Er bekam Drohbriefe und Paparazzi verfolgten ihn so erbarmungslos wie sonst nur Britney Spears. Seine Karriere schien zu Ende.

Aber Amerika liebt es, gefallenen Helden eine zweite Chance zu geben. Keine der wichtigen Zeitungen und Magazine wollte oder konnte "Ein strahlend schöner Morgen" ignorieren, als das Buch erschien. "James Frey hat sich selbst gerettet", lobte die "New York Times". Das Time-Magazin verglich ihn gar mit Schriftstellern wie John Dos Passos und John Steinbeck. Und Vanity Fair widmete ihm eine neun Seiten lange Reportage.

Mit "Strahlend schöner Morgen" hat James Frey bewiesen, dass er auch jenseits der Skandale als Autor weiterbestehen kann. Er vermischt Anekdoten über die Stadt mit der seitenweisen Aufzählung der Highways von Los Angeles, wo er acht Jahre lang lebte. Immer wieder wechselt er die Zeiten, bricht den Erzählfluss ab, nimmt Fäden auf und lässt sie wieder fallen. Stakkato-Sätze lösen lange innere Monologe ab. Trotz zahlreicher Klischees und Pulp-Fiction-Episoden: Auf den Leser hat das eine faszinierende Wirkung. Und am Morgen danach gibt es dieses Mal keinen Kater.

Carla S. Reissman, dpa
05.10.2009

 
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Das Buch:

James Frey:
Strahlend schöner Morgen. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens

Bild: Buchcover James Frey, Ein strahlend schöner Morgen

Berlin: Ullstein Verlag 2009
500 S., € 23,60
ISBN: 978-3-550-08767-7

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