Romane

Nobelpreisträger Le Clézio: Hunger nach Liebe und Frieden

Die junge Ethel wächst im Paris der 30er Jahre auf: Der Krieg steht vor der Tür und ihre Familie vor dem Bankrott. Unter dem Titel «Lied vom Hunger» beschreibt der französische Literatur-Nobelpreisträger J.M.G. Le Clézio die unglückliche Kindheit der jungen Ethel Brun. Der Roman ist wie viele Bücher des Schriftstellers autobiografisch geprägt und spiegelt in der Lebensgeschichte Ethels stellenweise das Leben seiner Mutter wider. «Eines der schönsten Frauenporträts», würdigte Frankreichs Presse das Werk (Originaltitel: Ritournelle de la faim), das Le Clézio im «Gedenken an eine junge Frau geschrieben hat, die ungewollt mit zwanzig Jahren eine Heldin war», wie der Nobelpreisträger in seinem Vorwort schrieb. Das Buch kam zunächst 2008 in Frankreich auf den Markt und stand wochenlang auf der Bestsellerliste.

Die Geschichte der jungen Ethel spielt stellenweise in Nizza, wo der Autor 1940 geboren ist und wohin die kaum zwanzigjährige Ethel vor den Deutschen flieht, zusammen mit ihren Eltern Alexandre, einem Schönling, der sein gesamtes Vermögen verspekuliert hat, und Justine, seiner ebenfalls von der Insel Mauritius stammenden Frau. In der südfranzösischen Stadt, in der sich Ethels Eltern kennengelernt hatten, erlebt sie erstmals die Ängste und Nöte des Krieges: «Ab und zu drang das Echo von Festnahmen zu ihnen. Aus dem Hôtel Excelsior in der Nähe des Bahnhofs, wo die Gefangenen der Deutschen verhört, geschlagen und halb ertränkt wurden. Aus den Kellern des Hôtel Ermitage, dem Palast, in dem Alexandre und Justine die Liebe kennengelernt hatten und wo die Gefolterten nachts wie Hunde heulten, weil ihnen die Fingernägel ausgerissen wurden, wo man Frauen vergewaltigte (...)», schreibt der Autor nüchtern.

In dieser Stadt am Mittelmeer, deren «friedliche Landschaft, die zu ein Paar Versen hätte anregen, den Hintergrund für ein Liebeslied hätte abgeben können», wie Le Clézio poetisch diesen Teil der südfranzösischen Riviera beschreibt, erfährt Ethel Demütigung und Hunger. Gleichzeitig verfestigt sich ihr Wunsch, «ans andere Ende der Welt zu fahren, um sich endlich ins Leben zu stürzen» und ihr Bedürfnis nach Frieden, Harmonie und Liebe zu stillen. Diesen Hunger, den der Schriftsteller zu Beginn des Romans einen anderen nennt, als den, den er als Kind erfahren hat: «Ich weiß, was Hunger ist, ich habe ihn gespürt. Als Kind bin ich bei Kriegsende auf der Straße mit all den anderen neben den Lastwagen der Amerikaner hergelaufen und habe die Hände ausgestreckt, um die Kaugummipäckchen, die Schokolade und die Brotrationen aufzufangen, die die Soldaten uns zuwarfen.»

Le Clézio illustriert die politische Situation, in der Ethel groß wird durch die Salongespräche im Wohnzimmer ihrer Eltern, in der Pariser Rue du Contentin an jedem ersten Sonntag im Montag. Klar, nüchtern und sachlich beschreibt er die nationalistisch und antisemitisch gefärbten Diskussionen. Durch die unpathetische Sprache gelingt es Clézio, Abstand zu diesem Teil der jüngsten Geschichte zu halten, gleichzeitig bleibt dem Leser aber auch die Protagonistin des Buches unzugänglich und fremd. Ihr Hunger nach Liebe und Zuneigung bleiben beschreibend, ihr Leiden und ihr Schmerz erreichen den Leser nicht.

Bunt und mysteriös wird das Buch vor allem durch die Figur des Großonkels, Samuel Soliman. Der alte Mann mit dem schwarzen Hut und dem spitzen Schädel war Militärarzt im französischen Kongo. Er wusste viele abenteuerliche Geschichten zu erzählen und war Ethels einziger Vertrauter. Seine Person bringt Farbe und Poesie in den Roman, in dem Le Clézio das Bild einer dramatischen Zeit und einer jungen unerschrockenen Frau entwirft. «Das Lied vom Hunger» ist ein weiteres Werk, in dem der Autor auf der Erforschung der Menschheit und seiner eigenen Wurzeln ist.

Sabine Glaubitz, dpa
28.09.2009

 
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Das Buch:

J.M.G. Le Clézio:
Lied vom Hunger. Aus dem Französischen von Uli Wittmann

Bild: Buchcover J.M.G. Le Clézio, Lied vom Hunger

Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2009
224 S., € 18,95
ISBN: 978-3-462-04136-1

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