Romane

Durch Schreiben den Tod überwinden

Erich kommt eines Tages nach Hause und findet seine Partnerin Linda erhängt auf dem Dachboden. Sie hinterlässt lediglich ein gelbes Post-it mit zwei Zeilen darauf. Er ruft die 112 an, stellt sich den Fragen der Polizei, will aber nicht mitansehen, wie Linda im Blechsarg hinausgetragen wird. Er nimmt alles hin - wie es kommt. Parallel zu diesem Unglück findet er sein Heil im Schreiben. Anstatt aktiv zu trauern, begibt er sich in die Vergangenheit, in die Zeit um 1944 - die Zeit seiner Eltern und seiner eigenen Kindheit.

Erichs Vergangenheit ist geprägt von Verlusten. Sein Vater starb schon früh, die Mutter sechs Wochen vor Lindas Selbstmord. Linda litt unter dem "Borderline"-Syndrom und war mit Erich erst seit ein paar Jahre zusammen. Von Beginn an gestaltete sich diese Beziehung schwierig, doch Erich liebte Linda sehr. Er versuchte ihr so gut wie es eben ging zu helfen. Mal klappte es, mal scheiterte er. Doch immer war er für sie da, an ihrer Seite. Linda war oft sehr traurig, weinte viel und langanhaltend. Das Zusammenleben mit ihr war mitunter anstrengend. Doch Erich kannte es, ein anstrengendes Leben zu führen: Seine Mutter war ebenfalls psychisch krank und weinte sehr viel. Die Eltern hatten häufig Streit und Erich versuchte stets alles richtig und gut zu machen, was ihm oft misslang. Er kam sozusagen vom Regen in die Traufe. Erwachsen geworden, der Kindheit und ihrer ganz eigenen Hölle entkommen, tappte er in die nächste.

Das Buch berichtet von einem Jahr Trauerzeit. Es schwenkt von der Gegenwart in die Vergangenheit und zeigt, wie Erich als Kind gelebt hat, was er durchlebt hat und wie es ihm heute geht, nach dem Suizid Lindas. Die Bilder der Vergangenheit halten ihn am Leben, aber nicht nur sie, sondern auch der Alkohol, sein bester Freund. Er verliert sich in den Erinnerungen an vergangene Tage, zieht Parallelen und entdeckt, dass auch seine Mutter unter dem "Borderline"-Syndrom gelitten haben muss. Erich lebt mit Schuldkomplexen, die er gar nicht haben müsste. Doch durch den Selbstmord seiner Partnerin fühlt er sich als Versager. Er hatte es nicht verhindern können. Überhaupt machte er alles falsch, nie etwas richtig und war immer Außenseiter und Störenfried. 

Die Schreibwut packt Erich und er notiert alles, schreibt sich die Qualen von der Seele, ertränkt sie im Rotwein, kann nicht weinen und nicht wirklich trauern. Er geißelt seine Gefühle und flüchtet. Doch ganz zum Schluss, als er zurück zum Ort seines Ursprungs kehrt, da beginnt die Wende ...

Ein sehr offenes und direktes Buch. Der Autor Christian W. Burbach nimmt zu keiner Zeit ein Blatt vor den Mund. Er schreibt Gefühle nieder, wie sie auftauchen. Er zögert nicht und umschreibt nicht. Man kann in die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten Erich hineintauchen, ihn verstehen. Auch wenn dies den Leser manchmal erschrocken zurücklässt, so ist die Wahrheit dieses Romans sehr zufriedenstellend - weil geradeaus, unumwunden und ehrlich.

Tanja Küsters
21.09.2009

 
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Das Buch:

Christian W. Burbach:
Scheinzeit

Bild: Buchcover Christian W. Burbach, Scheinzeit

Schweinfurt: Wiesenburg Verlag 2009
119 S., € 14,90
ISBN: 978-3-940756-73-2

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