Romane

Als Zeichner dabei auf Cooks letzter Reise

Der Schweizer Autor Lukas Hartmann hat mit seinem Roman "Bis ans Ende der Meere" eine Arbeit vorgelegt, hinter der unendlich viel Aufwand steckt. Zwar scheint der Seefahrer und Entdecker James Cook (1728-1779) im Vordergrund dieser Schiffsreise zu stehen, aber der Leser folgt innerlich dem begleitenden Expeditionszeichner John Webber (1751-1793), dessen Empfindungen und Handlungen mit großer Aufmerksamkeit dargestellt werden - und hier liegt Hartmanns eigentliche Leistung.

Cook, der 1776 bis 1779 seine letzte Reise erlebte, war Thema ungezählter Publikationen. Trotzdem bleibt er hier im Buch auf Distanz - ein schwieriger Charakter, der seine letzte schwierige Zeit durchlebt und einer Bluttat zum Opfer fällt. Eine Zuneigung für ihn wird der Leser kaum aufbauen wollen, zu seiner Witwe erst recht nicht. Anders verhält es sich bei Webber, der in London geboren wurde, einen Teil seiner Jugend in Bern verbrachte und später in König Georges III. Reich zurückkehrte, wo er die Schiffsreise antrat.

Webber, im Buch einmal im "Ich", einmal im "Er" präsent, bald im Präsens, bald im Imperfekt, erscheint als tief empfindende Figur von großer Ehrlichkeit, aber auch stiller Zurückhaltung. Hartmann schildert mit knappen Strichen die Beziehungen zu Hause, an Bord und zur Welt der Eingeborenen - auch zu der auf dem Buchcover erscheinenden Poetua. Man erfährt über Begegnungen, Belastungen, Gefahren und Todesängste. Doch wie bei Cook bleibt auch bei Webber sehr vieles offen, interpretierbar, rätselhaft. Das macht den Roman ausgesprochen anregend und zieht in der Lektüre zum Ende hin. Man vergesse beim Lesen nicht, dass Hartmann die Webber-Passagen weitgehend "imaginieren" musste, weil ihm für die Szenen ganz einfach die Archivalien fehlten.

Die schriftstellerischen Vor- und Rückgriffe auf der Zeitachse dämpfen die Leselust nicht etwa ab, und sie irritieren auch nicht. Im Gegenteil, sie erzeugen neue Spannung, so zwischen der ersten und der letzten Begegnung mit der Witwe Cooks. Die Sprache verrät guten Duktus und bleibt verständlich. Sie spielt nirgends mit sich selbst, Gags der Originalität willen sind dem Autor offensichtlich fremd.

Nun gibt es außer dem weltgeschichtlichen Bezug - kurz vor Ausbruch der Französischen Revolution - auch Verbindungen zur nächsten Umgebung Hartmanns in der Schweizer Hauptstadt Bern. Das liegt vor allem daran, dass ein Verwandter Webbers, Harald Wäber, als Direktor der Burgerbibliothek tätig war und zu Webber eine nicht nur intensive, sondern auch kompetente Sammeltätigkeit entfaltete. Wer Wäber kennt, den durchwegs freundlichen, hilfsbereiten und bescheidenen Menschen, der wird natürlich in John Webber nach Ähnlichkeiten suchen und sicher auch einige finden. Webber hat denn auch der Stadt Bern seine Sammlung ethnografisch interessanter Objekte geschenkt und in der Stadt- und Universitätsbibliothek - unweit der Burgerbibliothek - kann man auch den Reisebericht seit 1984 mit den Illustrationen Webbers in die Hand nehmen. Für diesen Bericht hatte ihn Cook ja seinerzeit verpflichtet.

Wer die Erzählebene verlassen hat, will vielleicht dem Thema weiter nachsinnen. Dafür eignet sich hervorragend, was Lukas Hartmann auf seiner Website www.lukashartmann.ch an Materialien bereitgestellt hat. Darüber hinaus gibt es natürlich Bücher über James Cook mitsamt Kartenmaterial - für eine vertiefende Behandlung im Kreis von Studierenden gäbe es also nach der Buchlektüre Stoff in Hülle und Fülle. Hartmanns Roman "Bis ans Ende der Meere" ist ein dicht geschriebenes Lektüreerlebnis, wie in "Die letzte Nacht der alten Zeit" geschaffen für Menschen mit Gespür für das Leben damals. "Wilde sind wir selbst", hat Evelyn Finger nach der Lektüre gefolgert.

Ronald Roggen
07.09.2009

 
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Das Buch:

Lukas Hartmann: Bis ans Ende der Meere. Die Reise des Malers John Webber mit Captain Cook

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Zrich: Diogenes Verlag 2009
496 S., 21,90
ISBN 978-3-257-06686-9

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