Romane

Ferien auf dem Hausboot - Fahrt ins Verderben

Vier Teenager und zwei Erwachsene vierzehn Tage auf den wenigen Quadratmetern eines alten Hausboots zusammengepfercht - das klingt für viele von uns zu Recht nicht nach einem erholsamen Sommerurlaub. Dennoch wollen Daniel und Luisa, die Eltern von Lea und Jasper, genau das mit ihrer Ferienplanung erreichen: endlich einmal ein gemeinsamer Sommerurlaub, der nicht nur die angeschlagene Beziehung der Eltern retten, sondern auch eine neue Beziehung aufbauen soll, nämlich die von Emma, dem Ergebnis von Daniels Affäre vor mehr als 15 Jahren, zu ihrem leiblichen Vater, den Halbgeschwistern Lea und Jasper und der Ersatzmutter Luisa.

Der Bootsurlaub auf englischen Gewässern dient, wie alle Beteiligten früher oder später einsehen müssen, allerdings weniger der Erholung und dem Einander-wieder-Näherkommen, sondern wirkt wie ein Vergrößerungsglas auf die angestauten Gefühle und Probleme. Das alte Hausboot mit seinem lauten Dieselmotor ähnelt schon bald einem Pulverfass, das jeden Moment in die Luft zu gehen droht.

Der fast 18-jährige Sohn der Familie, Jasper, war von Anfang an gegen diesen Urlaub, er wollte lieber in ein südfranzösisches Camp, in dem er ohne die ständige Bewachung seiner Eltern mit seinen Freunden Joints rauchen und Bier hätte trinken können. Zumindest wurde ihm praktisch als Entschädigung erlaubt, seinen besten Freund Can mit auf die Bootsfahrt zu nehmen. Pikanterweise weiß Jasper zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Can schon vor einiger Zeit mit Jaspers Flamme Natalie angebandelt hat.

Jaspers kleine Schwester Lea verbringt den Großteil des Tages damit, Tagebuch zu schreiben. In ihrer eigenen Welt fühlt sich das gutgläubige, etwas übergewichtige und altkluge Mädchen, das seiner Familie regelmäßig mit ihren Vorträgen über die heimische Tierwelt auf die Nerven geht, am wohlsten. So wie sie allen Menschen auf ihre naive, gutmütige Art begegnet, gibt sie sich auch bei ihrem Aufeinandertreffen mit Emma Mühe, gut mit ihr auszukommen. Doch sowohl Lea als auch die anderen Familienmitglieder müssen bald erfahren, dass Emma nur mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Hinter ihrem faszinierenden Äußeren verbirgt sich eine ganz andere Person, deren intrigantes Verhalten das Leben auf dem Hausboot fast unmöglich macht.

Auch das schon brüchige Verhältnis zwischen Daniel und Luisa muss unter Emmas Erscheinen leiden. Daniels Vertrauensbruch und seine Affäre mit Emmas Mutter liegen zwar schon 15 Jahren zurück, doch Luisa spürt, dass dieses Thema für den Rest ihres Lebens zwischen ihnen stehen wird. Zur allgemeinen Schieflage in der Beziehung trägt außerdem bei, dass Luisa mit ihrer Physiotherapie-Praxis die Brötchenverdienerin der Familie ist und Daniel mit seiner Fotografie schon seit Jahren keinen Erfolg mehr verbuchen konnte.

So wie das Ferien-Hausboot der Familie zunächst ruhig vor sich hin zu schippern scheint, ist auch zu Anfang des Buches noch nicht viel Bewegung, sowohl was die Handlung als auch was die Personen betrifft, zu verzeichnen. Doch sobald das Autorenduo Borger und Straub seine Charaktere eingeführt hat, nimmt der Roman - wie auch das Boot - an Fahrt auf, und die Interaktion der Personen auf dem Hausboot löst eine besondere zwischenmenschliche Dynamik aus.

Rein erzähltechnisch haben sich Martina Borger und Maria Elisabeth Straub, die schon seit Jahren trotz der räumlichen Distanz von fast 1000 Kilometern erfolgreich zusammen Bücher schreiben, in "Sommer mit Emma" dem Perspektivenwechsel verschrieben. Mit jedem Kapitel steht ein Wechsel der Perspektive an, und so erfährt der Leser den Fortgang der Handlung aus fünf verschiedenen Sichtweisen - jedoch nie aus der Sicht der heimlichen Protagonistin Emma. Sehr geschickt, denn so bleibt ihr Charakter immer ein Produkt der Beurteilung der anderen Personen und der eigenen Einschätzung des Lesers.

Sabine Mahnel
17.08.2009

 
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Das Buch:

Martina Borger, Maria Elisabeth Straub:
Sommer mit Emma

Bild: Buchcover Martina Borger, Maria Elisabeth Straub, Sommer mit Emma

Zürich: Diogenes Verlag 2009
403 S., € 21,90
ISBN: 978-3-257-06713-2

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