Romane

Liebe bis in den Tod und weit darüber hinaus

Es ist Karfreitag, als ein Mann einsam auf einer Straße in Kanada unterwegs ist. Er steht unter Drogeneinfluss und hat Halluzinationen: Er sieht, wie Feuerpfeile auf ihn zuschießen, und lenkt seinen Wagen in Panik in einen tiefen Abgrund. Bei einer gigantischen Explosion wird er schwer verletzt.

Andrew Davidson lässt seinen namenlos bleibenden Protagonisten des Romans "Gargoyle" in einem Krankenhaus erwachen. Zwei Monate hat er im Koma gelegen und muss sich einer neuen Realität stellen: Sein Körper ist beinahe vollständig verbrannt, seine Stimmbänder sind stark angegriffen, sein bestes Stück musste ihm abgenommen werden und er hat starke Schmerzen, die nur durch Morphium in Grenzen gehalten werden können. Vor allem der Verlust seiner Männlichkeit trifft den Mann schwer, arbeitet er doch als Pornodarsteller und -produzent. Von den vielen Operationen und den Anstrengungen der Physiotherapie entmutigt, beschließt er, nach seiner Entlassung Selbstmord zu begehen. Doch seine Pläne geraten ins Wanken, als eine ihm unbekannte Frau erscheint, die behauptet, er und sie wären vor 700 Jahren ein Liebespaar gewesen.

Marianne Engel taucht völlig unvermittelt auf und berichtet von ihrem früheren gemeinsamen Leben: Sie war damals Nonne im fränkischen Frauenkloster Engelthal und ist heute als Bildhauerin tätig. Sie schafft mit himmlischer Hilfe Gargoyles, Wasserspeier, in unterschiedlichsten Formen und Variationen. Er hingegen verdingte sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts als Söldner. Sie lernten sich kennen, als er bei einer kriegerischen Auseinandersetzung schwer verbrannt wurde und im Kloster seine letzte Ruhe finden sollte. Doch durch die Pflege Marianne Engels konnte er gerettet werden. So fanden beide zusammen und flohen nach Mainz in ein neues Leben, das jedoch von seinen ehemaligen Söldnerkameraden auf tragische Art beendet wurde.

Diese von Marianne Engel vorgetragene Geschichte wird immer wieder in den Plot eingesponnen, sodass eine Vermischung vonn Gegenwart und Vergangenheit, Moderne und Mittelalter stattfindet. Dabei fallen stark die Parallelen zwischen dem vergangenen mittelalterlichen Leben und den Erlebnissen des Protagonisten in der erzählten Gegenwart auf. Die Geschichte berichtet von tragischer Liebe, die das Wesen der Liebe in eindrucksvoller Weise widerspiegelt. Daraus wird deutlich, dass Liebe in jeder Zeit besteht und Hindernisse überwinden kann. Im Laufe des Romans verändert der Verletzte, der als Ich-Erzähler auftritt, seine Haltung zum Leben grundlegend. Er öffnet sich Stück für Stück, zieht sogar bei Marianne ein und denkt nicht mehr über Selbstmord nach. Doch was hat es mit der leicht selbst zerstörerischen Art auf sich, die seine Retterin an den Tag legt?

Andrew Davidson gelingt es mit seiner Sprachgewalt, einen glänzenden Roman zu entfalten, der die wahre Seite der Liebe zeigt. Anfangs stark philosophisch angelegt, wendet sich mit Marianne Engels Auftauchen die Grundstimmung des Romans. Doch dies keineswegs zu dessen Nachteil: Durch die ergänzend eingeflochtene Erzählung der ersten deutschen Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie" (insbesondere der Teil über die Hölle wird wiedergegeben) wird ein Grundwissen an klassischer, italienischer Literatur vermittelt. Am Schluss holt den Ich-Erzähler (und den Leser) die Realität ein, die noch allerlei Spannungen bereithält. Ein rundum gelungener Roman über die Liebe und das Leben.

Susann Fleischer
20.04.2009

 
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Das Buch:

Andrew Davidson:
Gargoyle. Aus dem kanadischen Englisch von Eike Schönfeld

Bild: Buchcover Andrew Davidson, Gargoyle

Berlin: Berlin Verlag 2009
576 S., € 22,00
ISBN: 978-3-8270-0782-7

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