Romane

Amerikanisch Idylle und Geborgenheit - Wiederentdeckung eines Romans aus den 1960ern

Ab und zu widerfährt einem längst in Vergessenheit geratenen und seit Jahren nicht mehr nachgedruckten Roman das große Glück, dass er von einem Verleger wiederentdeckt und neu aufgelegt wird. So geschehen mit "Wenn die Mondblumen blühen", dem ersten und einzigen Roman der Amerikanerin Jetta Carleton. Der 1963 in Amerika veröffentlichte und 1964 auch in Deutschland auf Nummer eins der Bestsellerlisten rangierende Roman wird nun nach vielen Jahren der Nichtbeachtung wieder veröffentlicht - sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch.

Jetta Carleton (1913-1999), die erst als reife Frau anfing, an ihrem Debütroman zu schreiben, und ganze sechs Jahre zur Vollendung desselben benötigte, sagte von sich selbst, dass sie aus Sehnsucht schreibe; Sehnsucht nach den kleinen Momenten des Glücks, die das Leben so lebenswert machen. Von diesen Momenten gibt es bei all den traurigen und schicksalsschweren Momenten in „Wenn die Mondblumen blühen“ mehr als genug.

Die Geschichte beginnt auf einer Farm im Missouri der 1950er Jahre. Mary Jo, die jüngste Tochter von Matthew und Callie Soames, erzählt, wie sie als Erwachsene mit ihren Schwestern Jessica und Leonie - die dritte Schwester ist als Jugendliche bei einem Unfall ums Leben gekommen - regelmäßig die Sommer auf der Farm der Eltern verbringt. Mit der elterlichen Farm verbindet die drei Geschwister die bittersüße Erinnerung an die Kindheit - eine Kindheit, die sie immer im Einklang mit der Natur verbrachten, die aber hauptsächlich von der Strenge des Vaters und Gottesfurcht geprägt war.

Nach Mary Jos Einleitung wechselt die Erzählung in die dritte Person und jedem Familienmitglied wird nacheinander ein Abschnitt des Buches gewidmet: Die älteste Tochter, Jessica, lässt das College sausen, brennt mit einem Saisonarbeiter durch, der nur wenige Monate nach ihrer Hochzeit stirbt, und heiratet wenig später wieder einen Mann, den Matthew und Callie wohl kaum für sie ausgesucht hätten, wenn ihnen die Chance dazu gegeben worden wäre. Leonie, die Zweitälteste und Vernünftigste der Soames-Schwestern, hat sich dermaßen ihrem Pflichtbewusstsein verschrieben, dass sie vergisst zu leben und somit nie so recht ihren Platz im Leben zu finden scheint. Mathy, der nur ein kurzes, dafür aber nie langweiliges Leben gegönnt war, ist die eigentliche Rebellin in der Familie, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern mit einem nichtsnutzigen Piloten durchbrennt und dabei in ihren Tod rennt.

Auch die Eltern, Matthew und Callie, sind trotz ihrer Frömmigkeit und der Etikette, die sie nach außen hin bewahren müssen - schließlich hat sich Matthew bis zum Posten des Schuldirektors nach oben gearbeitet und ist somit zu einem wichtigen und angesehenen Mitglied der Gemeinde aufgestiegen - nicht unfehlbar. Die Sünde zieht sich genauso durch den Roman wie das Zwitschern der Vögel und das Aufblühen der Mondblumen, die an dem geliebten Farmhaus hochwachsen. 

Trotz oder gerade wegen der - nur allzu sympathischen - Fehltritte der einzelnen Familienmitglieder gelingt es Jetta Carleton auf hervorragende Weise eines herauszustellen: Egal was passiert, die Schwestern und auch ihre Eltern finden immer wieder Halt in der Familie und kehren früher oder später wieder an den Ort ihrer Kindheit zurück - und sei es nur, um dort die Sommerferien zu verbringen.

Faszinierend ist die Zeitlosigkeit, die Carleton in ihrem Roman geschaffen hat. Zwar gibt es immer wieder Hinweise, in welche Zeit die Handlung einzuordnen ist, jedoch bleiben die politischen und geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit immer außen vor. Die beiden Kriege, sowie die Rassenproblematik in den USA, die z. B. Harper Lee in ihrem Roman "Wer die Nachtigall stört" aufgreift, scheinen nicht zu existieren. Diese Zeitlosigkeit ist es, die einen Roman wie "Wenn die Mondblumen blühen" zu einem Buch macht, das man mit Freude und Erfolg immer wieder neu auflegen kann und auch sollte. Es kann nie genug Geschichten geben, die den Leser aus seinem eigenen gehetzten Zeitempfinden in eine Welt entführen, in der man sich noch den Genuss und die Zeit gönnt, den Mondblumen beim Aufgehen zuzusehen.

Sabine Mahnel
20.04.2009

 
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Das Buch:

Jetta Carleton:
Wenn die Mondblumen blühen. Aus dem Amerikanischen von Eva Schönfeld

Bild: Buchcover Jetta Carleton, Wenn die Mondblumen blühen

Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2009
511 S., € 9,95
ISBN: 978-3-462-04096-8

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