Romane

Alles fukú, Oscar Wao!

Was Schauspielern und Filmemachern der Oscar, ist der schreibenden Zunft der Pulitzer-Preis: Mit seinen Auszeichnungen für Romane und Sachbücher ist er der wichtigste US-amerikanische Literaturpreis. Junot Díaz hat für das vorliegende Buch "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" im Jahre 2008 den Pulitzer-Preis in der Kategorie "Roman - Fiktion" gewonnen. Díaz selbst ist Professor für kreatives Schreiben am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und hat an diesem, seinem ersten Roman insgesamt elf Jahre gearbeitet.

Der Roman handelt von einer Einwandererfamilie aus der Dominikanischen Republik in den USA der Neunziger Jahre. Das Schicksal dieser Familie ist in ihrer Heimat verwurzelt, es führt zurück bis zur Schreckensherrschaft des Diktators Trujillo, der dort von 1930 bis 1961 ein auf Gewalt basierendes Regiment der Willkür geführt hatte. Typisch dominikanisch ist die Erklärung alles Schrecklichen mit einem einzigen Wort: fukú. Alles ist "fukú", ein Fluch, mit dem sich alles, aber tatsächlich gar nichts, erklären lässt. Der Held der Handlung ist Oscar, ein Nerd, der schreibt, sich in seinen Fantasy-Welten, Rollenspielen und Comics verliert, aber ganz und gar keinen Erfolg bei Mädchen oder Frauen hat, was für einen Dominikaner sicherlich überhaupt nicht geht! Oscars Familie in New Jersey zählt darüber hinaus noch seine Mutter und seine Schwester Lola. Letztere ist mit dem Ich-Erzähler Yunior verbandelt. Oscars Mutter war, wie sich im Laufe des Buches herausstellen wird, die einzige Überlebende ihrer Familie, der zur Zeit der Schreckensherrschaft Trujillos ein furchtbares Schicksal beschieden war, quasi der Anfang allen fukús in Oscars Familie. Letztlich ist es aber Oscar selbst, der in seiner unbeholfenen, doch höchst sympathischen Art seinem eigenen Verderben entgegensteuert. Da hätte sogar weniger fukú keinen anderen Ausgang der Geschichte herbeigeführt.

Junot Díaz' Schreibstil ist herrlich außergewöhnlich, weil völlig unkonventionell. Dies beginnt bereits bei der äußeren Form des vorliegenden Buches: Eine Struktur und Unterteilung in Kapitel, die den Leser ständig zwischen den Zeiten springen lässt, seine ausschweifenden Anmerkungen über die Geschichte der Dominikanischen Republik in Fußnoten, die sich oft über den Großteil einer Seite oder sogar über mehrere Seiten hinweg erstrecken und auch die sehr zahlreiche Verwendung von spanischen Ausdrücken in der deutschen Übersetzung. Der Leser kann hier selbst entscheiden, ob er die Begriffe, meist irgendwelche nicht jugendfreie Schimpfworte, im zehnseitigen Glossar nachschlagen möchte oder nicht. An manchen Stellen ist es allerdings unabkömmlich, diese Unterbrechung hinzunehmen, da ansonsten das Verständnis der Handlung leiden würde.

Während das Unkonventionelle im Äußeren noch irritierend und mitunter auch störend wirken kann, entlädt sich das Experimentelle in Díaz' Sprache in einem wahren Feuerwerk von Gedanken, Dialogen und Ansprachen an den Leser. Diese vor Energie nur so strotzende Sprache lässt den Leser in einem traurigen Buch auch viel, viel öfter schmunzeln und glücklich sein, als es die Story tatsächlich hergibt. Dieser Kunstgriff Junot Díaz' macht aus "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" ein liebenswertes und erinnerungswürdiges Gesamtwerk, das ihm verdientermaßen viel Lob und eben den Pulitzer-Preis beschert hat.

Christoph Mahnel
18.05.2009

 
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Das Buch:

Junot Díaz:
Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao. Aus dem Amerikanischen von Eva Kemper

Bild: Buchcover Junot Díaz, Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2009
369 S., € 19,95
ISBN: 978-3-100-13920-7

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