Romane

Trauma – Ausweglosigkeit – Höchstes Glück auf Erden

Chris Frey hat einen Roman geschrieben, der nicht besser hätte sein können. Authentisch, teils autobiografisch, interessant, menschlich, traurig, herzzerreißend, schön, lebendig, anmutig und leider wahrhaftig. Denn wovon er berichtet, ist Alltag in Deutschland und auf der ganzen Welt. Er hat sich eines Themas angenommen, welches schon häufig niedergeschrieben wurde, doch mit einem gravierenden Unterschied. Er schreibt nicht über den Missbrauch und die Gewalt, sondern über das, was beides auslöst. Die Folgen, das Trauma, die Opferrolle. Lange hat es gedauert, bis wirklich so ein aussagekräftiges Buch erschienen ist, welches unbeteiligten Interessierten einen erschütternden aber klaren Einblick in diese menschliche Trümmerwelt gibt. Doch nicht nur in die Welt der Opfer, sondern auch in das klägliche Versagen vieler Eltern, denen Liebe und Vertrauen Fremdwörter sind. Ein Bestseller auf seinem Gebiet.

Die kleine Viola hat einen denkbar schlechten Start in ihr Leben. Sie ist nicht das Kind eines sich liebendes Paares, sonders das Kind einer drogenabhängigen Mutter und irgendeines Freiers. Aufgewachsen in Armut und Lieblosigkeit, muss sie nicht nur mit ansehen, wie ihre Mutter stirbt, sondern wird auch noch Opfer eines unvorstellbaren Missbrauchs, der die Qualen ihrer Kindheit bei weitem übertrifft. In einem chaotischen Moment kann sie fliehen. Auf sich allein gestellt, im Alter von zehn Jahren, irrt sie umher, mit nichts als den Fetzen, die sie am Leib trägt. Hunger treibt sie tagelang weiter, doch ihre Diebstähle zwingen sie zur andauernden Flucht. Sie nutzt nach über einer Woche eine Gelegenheit, die wie ein Traum für sie sein muss – eine offene Terrassentüre. Was für eine Einladung? Sie schleicht sich also hinein und überfällt den Kühlschrank. Endlich Essen im Überfluss. Doch der Hausherr, ein alter Witwer und Rentner, bemerkt den vermeintlichen Einbrecher und will ihn auf frischer Tat ertappen, was ihm auch gelingt. Doch die Folgen, die hat er sich nicht in seinen kühnsten Träumen ausgemalt. Vor ihm steht ein verdrecktes und verstummtes kleines Kind mit weit aufgerissenen Augen, in höchster Not und Pein! Er erkennt sofort ihre Drangsal und hilft. Ohne große Worte bietet er ihr Schutz und Geborgenheit und natürlich Straffreiheit, denn das war Mundraub. Was sich ihm nach einer ersten Waschaktion und einer schlaflosen Nacht zeigt, ist ein Menschenbündel, welches traumatisierter nicht sein könnte. Kein Wort spricht dieses Mündel und ihre Augen sprechen Bände. Sie reagiert auf alles und jeden panisch und mit Flucht.

Doch schnell schafft es der alte Mann, dass das Kind sich in seine Arme flüchtet, erkennt, dass von ihm nur Gutes ausgeht. Doch so sehr die kleine Viola auch spürt, dass dieser Opa ihr niemals etwas tut, ist ihr Trauma so groß, dass sie unvorstellbar hässliche Dinge tut. Um immer wieder die Grenze auszutesten und zu schauen, ob ihr neuer Opa wirklich zu ihr steht, egal, was sie auch tut. Das ist mitunter haarsträubend und entsetzlich, doch der gute alte Herr Vogel hält durch, erkämpft sich die Vormundschaft und den Zugang zu Violas Herz. Die Wochen vergehen und heilen die kleineren Wunden, bringen zu Tage, was Viola alles erlebt haben muss. Die weniger schlimmen Ängste werden besiegt, das Sprechen findet sich wieder und auch der Umgang mit Fremden. Weitere Monate ziehen ins Land und zeigen, dass das schlimmste Trauma noch nicht bewältigt ist. Doch niemand kommt da heran, weder der Psychologe Martin, ein guter Bekannter Herrn Vogels, noch Miriam, Violas erste wirkliche Freundin. Immer wieder heftige Rückschläge, peinliche Situationen, entsetzliche Urängste und Weinkrämpfe, Ausraster und Lethargien, bis hin zu Apathien, die ahnen lassen, dass Viola dem seelischen Tod noch immer nahe ist. Ein Auf und Ab ist das für die Gefühlswelten Violas, aber auch für diejenigen ihres Opas, der auch körperlich beginnt nachzulassen.

Die Jahre ziehen ins Land und zwischen Viola und dem Opa ist eine innige Liebe entstanden, die von höchstem Vertrauen geprägt ist, von blindem Vertrauen. Doch der alte Mann spürt, dass seine Kräfte schwinden und sein Mündel noch lange nicht in der Lage ist, alleine für sich zu sorgen, alleine zu leben. Auch, wenn sie inzwischen siebzehn ist, eine weitere beste Freundin hat, Carmina, die neben ihrem Opa auch als Schutzengel fungiert, denn Viola ist sehr schön und kann sich die pubertierenden Jungs kaum fernhalten, was immer wieder zu seelischen Problemen führt, ist Viola lebensuntüchtig. Die Zeit drängt in vielerlei Hinsicht und dann, durch einen Schlaganfall, den Herr Vogel erleidet, wendet sich das Blatt durch Glück im Unglück und diverse Zustände. Eins kommt zum anderen und endlich könnte Viola das Glück beschert sein, doch alles kommt anders, spitzt sich zu und erscheint aussichtslos, wäre da nicht Sebastian, der hässliche Hühne…

An Dramatik ist dieser Roman kaum zu überbieten. An Herzlichkeit und Aufopferung aber auch nicht. Er sprüht nahezu von Sehnsucht und Hilfsbereitschaft, ist gespickt mit Opfern auf beiden Seiten und führt von einer Katastrophe in die andere. Im Leben eines traumatisierten Menschen gibt es keine wirklichen Ruhezustände, muss man immer auf der Hut sein. Doch Chris Frey hat gezeigt, was simple Liebe und Verständnis bewirken können!

Tanja Küsters
09.03.2009

 
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Das Buch:

Chris Frey:
Das Mädchen, das zweimal geboren wurde

Bild: Buchcover Chris Frey, Das Mädchen, das zweimal geboren wurde

Frankfurt a.M.: August von Goethe Literaturverlag 2008
748 S., € 19,80
ISBN 978-3-8372-0269-4

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