Romane

Gut gegen Geldnot

Der Mittvierziger Gerold Plassek dümpelt perspektivlos vor sich hin, nachdem es die Weichenstellungen seines Lebens nicht gut mit ihm gemeint haben. Als seine Frau Gudrun anderthalb Jahrzehnte zuvor die gemeinsame Tochter austrug, verlustierte sich Gerold bereits mit Alice, zwar nicht lange, aber doch lange genug, um Gerolds Ehe den finalen Garaus zu machen. In der Folgezeit tröstete sich Gerold vor allem mit Alkohol, während er seine Karriere als Journalist geschickt auf ein Abstellgleis manövrierte. Als Schreiberling bei der Wiener Gratiszeitung "Tag für Tag" ist er für die Beantwortung der Leserbriefe, das Ressort "Soziales" und die "bunten Meldungen" zuständig.

In seiner Lethargie wird Gerold durch einen unerwarteten Anruf von Alice, besagtem Seitensprung, eines Tages komplett durchgerüttelt. Alice hat als Ärztin einen sechsmonatigen Auftrag in Afrika angenommen, wird jedoch ihren Sohn Manuel in Wien bei ihrer Schwester zurücklassen. Für die Nachmittage bedarf es noch einer weiteren Betreuung, vorschlagsweise durch Gerold, der Manuel in seinem Büro bei der Erledigung von dessen Hausaufgaben beaufsichtigen möge. Warum? Weil Manuel Gerolds vierzehnjähriger Sohn ist. Gerold nimmt nach einer ersten Verarbeitung des Schocks die Aufgabe gleichsam widerwillig wie mannhaft an, wobei es ihm Manuel - in Unkenntnis über Gerolds Vaterschaft - auch nicht gerade einfach macht. Erst als eine unglaubliche Spendenserie ihren Lauf nimmt, beginnt ein auf wundersame Weise funktionierendes Team zu entstehen.

Der Wiener Schriftsteller Daniel Glattauer ist ein Mann für gefühlsbetonte Romane, die weder hohe Ansprüche erheben noch in irgendeiner Weise ins Kitschige abdriften. Glattauer besitzt die seltene Gabe, sein Publikum bei den Emotionen zu packen und dabei beste Unterhaltung abzuliefern, ohne dass man als Leser seine Bücher verschämt verheimlichen möchte. Große Bekanntheit erlangte Glattauer durch seine E-Mail-Romanze "Gut gegen Nordwind" und die Fortsetzung "Alle sieben Wellen", die sich beide vor allem in den Hörbuch-Lesungen durch Andreas Sawatzki und Christian Berkel zum großen Erfolg mauserten. Wer einmal einen Glattauer gelesen oder gehört hat, der wird bei Neuerscheinungen des Wieners garantiert ungefragt zugreifen, da er sich sicher sein kann, nicht enttäuscht zu werden.

So ist es auch im Falle des vorliegenden neuesten Werkes aus der Feder Glattauers. Passenderweise trägt es den Titel "Geschenkt", denn zum einen arbeitet der Protagonist für ein Gratisblättchen und zum anderen gibt es jede Menge Geldgeschenke. Alles Gute nimmt schließlich seinen Lauf mit einer Meldung Gerolds über ein Obdachlosenheim, das von der Schließung bedroht ist. Wenige Tage später trifft ein Kuvert mit zehntausend Euro inklusive des betreffenden Zeitungsausschnitts aus "Tag für Tag" im Obdachlosenheim ein. Diese Nachricht sorgt in der medialen Welt für ungeheures Aufsehen, vor allem als in der Folge weitere Meldungen und Reportagen Gerolds für anonyme Spenden bei den jeweils betroffenen und in der Regel klammen Einrichtungen oder Personen sorgen.

Nahezu zeitgleich sind beim Wiener Deuticke Verlag das Buch und bei Hörbuch Hamburg die vorgelesene Variante erschienen. Bei einem Werk Glattauers hat die gedruckte Variante stets den Vorteil, länger auf den Sätzen verweilen zu können, in denen der Autor seinen ungeheuren Wortwitz verarbeitet hat. Wer allerdings durch "Gut gegen Nordwind" oder andere Lesungen von Glattauers Büchern verwöhnt ist, wird instinktiv zum Hörbuch greifen wollen. Glücklicherweise hat Hörbuch Hamburg sich für das Herausbringen einer ungekürzten Lesung entschieden, da man dem Hörer tatsächlich keinen Satz aus der Feder Glattauers unterschlagen sollte. Mit Heikko Deutschmann konnte zudem noch ein Sprecher gewonnen werden, der dank seiner überzeugenden Vorlesefähigkeiten den Charme des Buches ungefiltert über den Äther transportiert.

Daniel Glattauer hat mit der anonymen Spendenserie in "Geschenkt" ein reales Vorbild verarbeitet, das sich einst in Braunschweig zutrug, wo ebenfalls ein anonymer Spender, der durch entsprechende Zeitungsberichte motiviert worden war, mehrere Geldgeschenke in Höhe von 10.000 Euro an Bedürftige verteilte. Glattauers "Geschenkt" fasziniert Leser und Hörer vor allem mit zwei Spannungssträngen: Zum einen ist die menschliche Neugier natürlich brennend daran interessiert, die Identität des anonymen Spenders zu enthüllen, während zum anderen die Vater-Sohn-Findung zwischen Gerold und Manuel ihre Hochs und Tiefs erfährt und man unbedingt wissen möchte, wie Manuel die Wahrheit über seinen leiblichen Vater aufnehmen wird. Doch sollte an dieser Stelle hier nicht weiter darüber spekuliert werden, so dass der Interessent sich einfach zwischen Buch und Hörbuch entscheiden möge, im Zweifelsfalle sogar am besten für beides!

Christoph Mahnel
22.09.2014

 
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Das Buch:

Daniel Glattauer: Geschenkt

CMS_IMGTITLE[1]

Wien: Deuticke Verlag 2014
335 S., 19,90
ISBN 978-3-552-06257-3

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Daniel Glattauer: Geschenkt

CMS_IMGTITLE[4]

Sprecher: Heikko Deutschmann Hamburg: H?rbuch Hamburg 2014 Spielzeit: 578 Min., ? 22,99 ISBN 978-3-899-03847-7

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