Romane

«Der Weiße Tiger» mit Booker-Preis - Adigas packender Debütroman

Die Geschichte, die Aravind Adiga erzählt, ist alles andere als schön. Sein Debütroman «Der weiße Tiger» schildert den Aufstieg von Balram Halwai, Sohn eines Rikschafahrers, aus ärmlichen, trostlosen Verhältnissen zum erfolgreichen Unternehmer in Indiens IT-Hochburg Bangalore. Aber was wie eine Erfolgsgeschichte klingt, ist keine. Die Karriere ist erkauft durch Heuchelei, Betrug, Korruption und Mord. Adiga, der in Bombay lebt, erzählt davon mit erstaunlichem Tempo, schnörkellos, pointiert und in einer Sprache, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Dass er für seinen ersten Roman gleich den renommierten englischen Booker-Preis bekommen hat, ist eine kleine Sensation, aber verdient.

Der Aufbau des gerade auch auf Deutsch erschienenen Romans ist ungewöhnlich, aber nicht kompliziert: So wie sich die Schöpfungsgeschichte im Alten Testament in sieben Tage gliedert, teilt Adiga sein Werk in sieben Nächte ein. Das passt, schließlich erzählt er von Licht und Finsternis, mit einem Schwerpunkt auf den dunklen Seiten der indischen Gesellschaft. Balram Halwai, der Ich- Erzähler, schreibt sein Leben auf, in einem langen Brief an Wen Jiabao, den chinesischen Ministerpräsidenten, der sich anschickt, die indische Vorzeigestadt Bangalore zu besuchen.

Die Geschichte, die er ihm präsentiert, ist seine eigene und doch mehr als das: Es geht um das Indien von heute, eine Gesellschaft, die sich nur noch in zwei Kasten teilt, statt in viele: «Menschen mit großen Bäuchen und Menschen mit kleinen Bäuchen. Und nur zweiSchicksale: fressen - oder gefressen werden.» Balram Halwai gehört zu den Armen, zu den Hoffnungslosen, deren einzige Perspektive es ist, als Diener der Reichen ein Auskommen zu finden. Dabei ist er in der Dorfschule als begabtes Ausnahmekind aufgefallen, als «weißer Tiger».Doch aus dem Stipendium, das ihm der Schulinspektor verspricht, wird nichts. Und nachdem sein Vater blutspuckend im Krankenhaus gestorben ist, in dem er nicht behandelt wird, ist es mit der Schule ohnehin bald vorbei.

Balram jobbt erst in einer Teefabrik, lernt dann Autofahren und wird in Delhi Chauffeur bei Mr Ashok und seiner Frau Pinky Madam. Ashok ist ein typischer Repräsentant der indischen Elite: korrupt, dekadent und respektlos gegenüber allen, die er nicht als sozial gleichwertig akzeptiert. Wenn er sich betrunken übergibt, muss Balram ihm den Mund abwischen. Als seine Frau ein Kind überfährt, soll Balram dafür in den Knast. Das Bild, das Aravind Adiga vom modernen Indien zeichnet, ist das Gegenteil von Idylle. Entsprechend unpassend wäre ein Happy End. Und es gibt auch keines, was den Roman kein bisschen weniger lesenswert macht.

Andreas Heimann, dpa
20.10.2008

 
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Das Buch:

Aravind Adiga:
Der weiße Tiger. Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Bild: Buchcover Aravind Adiga, Der weiße Tiger

München: C.H. Beck Verlag 2008
319 S., € 19,90
ISBN: 978-3-406-57691-1

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