Romane

Über die Kraft der Musik - Anna Enquists neuer Roman «Kontrapunkt»

Anna Enquists «Letzte Reise» war ein viel gerühmter Bestseller. Jetzt hat die niederländische Autorin nachgelegt: «Kontrapunkt» ist ein Roman über Liebe und Verlust, Schmerz und Trauer und über das Potenzial, das die Musik bietet, mit all dem fertig zu werden. Man muss kein intimer Kenner der Goldberg- Variationen von Johann Sebastian Bach sein, um dem Buch zu folgen, aber es hilft, sie zu kennen. Denn Anna Enquist, selbst ausgebildete Konzertpianistin, will nicht einfach nur eine Geschichte erzählen.

«Der Kontrapunkt» ist selbst wie eine Komposition, die Kapitel orientieren sich an den insgesamt 30 Goldberg-Variationen von Bach. Geschickt verwebt Enquist in ihrem Buch musiktheoretische und - historische Überlegungen zu einem der Meisterwerke des Komponisten mit der Geschichte einer tragischen Mutter-Tochter-Beziehung. Die Tochter lebt nicht mehr, sie ist bei einem Verkehrsunfall getötet worden.

Während sich die Mutter mit Bachs komplexer Komposition beschäftigt, erinnert sie sich an das Kleinkind, wie es im Garten singt und tanzt oder an die zerbrechliche Zwölfjährige im rosa T- Shirt, die schon Schlittschuh laufen und Noten lesen kann. Die Musik ruft Bilder wieder aus dem Gedächtnis, die den pubertierenden Teenager zeigen, der Türen schlägt und mit dem Vater streitet oder die Abiturientin, die gerne Sängerin werden möchte, aber wegen fehlerhafter Anatomie der Stimmbänder daran scheitert.

Der Grundton des Romans ist melancholisch. Präzise schildert er Erlebnisse aus der Familiengeschichte, einzelne Szenen sind so dicht wie aus einem Dokumentarfilm über Mutter und Tochter. Lakonisch wird deren Tod erzählt, eindrückliche Passagen, die zu den gelungensten des Romans gehören. Aber Anna Enquist geht es in ihrem Buch auch darum, Bachs Goldberg-Variationen zu interpretieren, als Versuch des Komponisten, dem Wahnsinn zu entgehen.

Bachs erste Frau starb und wurde begraben, während der Komponist auf Konzertreise war. Jahre später starb auch sein Sohn Bernhard, gerade 24 Jahre alt. Wieder erfuhr der Vater von dem Schicksalsschlag erst, als der Sohn schon unter der Erde war. Die Goldberg-Variationen über ein Lied, das Bernhard geliebt hatte, versteht Anna Enquist als Bewältigungsstrategie: «Er behielt seinen Sohn bei sich, wenn er sich in die Variationen vertiefte, er wurde nicht verrückt vor Verzweiflung, solange er komponierte, er arbeitete an einem tönenden Grabmal für den verlorenen Sohn.»

Ob Anna Enquists Erklärungsversuch nun ganz stimmig ist oder nicht - in der Musikwissenschaft gibt viele Deutungen zu Bachs Motiven für die Komposition - ein ungewöhnlicher und lesenswerter Versuch ist es auf jeden Fall.

Andreas Heimann, dpa
20.10.2008

 
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Das Buch:

Anna Enquist:
Kontrapunkt. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Bild: Buchcover Anna Enquist, Kontrapunkt

München: Luchterhand 2008
217 S., € 17,95
ISBN 978-3-630-87282-7

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