Romane

15 Jahre nach «Paula»: Isabel Allendes Roman «Das Siegel der Tage»

«Meinem Leben fehlt es nicht an Dramatik...», beginnt Isabel Allende ihr neues Buch «Das Siegel der Tage». Dem ist zweifellos so, wie ihre Leser wissen. Denn oft genug hat sie die chilenische Autorin daran teilhaben lassen. In vielen, ja fast allen ihren Werken kann man Personen begegnen, die Züge ihrer Verwandten aufweisen, Szenarien und Ereignisse nachlesen, die einen wahren Hintergrund rund um den Allende-Clan besitzen. Manchmal frei nachempfunden, in eine andere Zeit und ein anderes Umfeld versetzt, mitunter aber auch sehr authentisch. So in dem persönlichsten aller ihrer Romane, «Paula», in dem sie am Sterbebett ihrer Tochter sitzt und sich gedanklich mit ihr unterhält. Das ist der Ansatzpunkt für «Das Siegel der Tage». Etwa 15 Jahre nach dem Tod Paulas erzählt sie nun ihrer Tochter, was sich seither ereignet hat.

Geschickt verbindet Allende ihr persönliches Schicksal mit dem der toten Tochter. Und so ist «Das Siegel der Tage» eher eine autobiografische Studie als eine Fortsetzung von «Paula». Ihr Leben - das stets verbunden ist mit einer übergroßen Schar Verwandter, auch «adoptierter» Angehöriger oder enger Freunde - gleicht einem Abenteuerroman, in dem sich die Wahl-Kalifornierin selbst nicht schont. Mit viel Selbstironie schildert sie sich und ihre manchmal etwas gewöhnungsbedürftige Rolle als selbsternannte Übermutter einer fast unüberschaubaren Sippe, die sich von den USA nach Südamerika, nach Griechenland, Spanien, China, Bali und in andere Regionen der Welt ausbreitet. Sie schließt dabei nicht die Augen vor eigenen Unzulänglichkeiten, lässt den Leser teilhaben an ihren Ehekonflikten wie auch großer Liebe, und wie ihr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis manchmal mehr schadet denn hilfreich ist.

Liebe ist das allumfassende Thema, ob es Allende selbst betrifft, ihre Kinder, Enkel oder nahe Freunde. Ihre mehr oder weniger erfolgreichen Kuppelversuche, das Bemühen, alle Lieben möglichst nahe um sich zu scharren, aber auch die Auseinandersetzung mit dem Tod, mal mystisch, mal sehr real, prägen wie ein Siegel das Leben der hier beschriebenen Menschen, die - das muss allerdings ganz klar gesagt werden - alles andere als dem «normalen» Mitbürger gleichen. Und so ist der Roman eine bunte, heitere, aber auch berührende Lektüre, die glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt rührselig wird. Mitunter aber hat man beim Lesen auch das nicht immer gute Gefühl, zu tief in intimste Geheimnisse der Patchwork-Sippe einzutauchen.

In manchen Kapiteln erzählt Allende ihrer Tochter, wie ihre Romane zustande gekommen sind. So auch, welchen Einfluss ihre Familie auf ihren ersten und wohl noch immer bekanntesten Roman «Das Geisterhaus» hatte, wann sie begann, «Fortunas Tochter» und «Porträt in Sepia» als Fortsetzungen zum «Geisterhaus» zu sehen, warum sie drei Jugendbücher als Trilogie schrieb, welchen Anteil ihre Enkel daran hatten, warum sie sich zu dem Auftragswerk «Zorro» überreden ließ, und warum sie «Inés meines Herzens» schrieb: Die authentische Inés Suárez «war eine eine Art Figur, wie ich sie für gewöhnlich erfinden muss. Während der Recherchen wurde mir klar, dass nichts, was ich mir ausdachte, dieses Leben würde übertreffen können... Ihre Geschichte wartete nur darauf, von mir erzählt zu werden...».

Dieser Satz nun lässt sich eins zu eins auf Allendes eigene Geschichte übertragen. Was sich die Autorin denn auch in «Das Siegel der Tage» nicht nehmen lässt. Mit ihrem Talent, Ungewöhnliches noch bunter darzustellen, Gewöhnlichem komische Seiten abzugewinnen, in scheinbar Nebensächlichem das Bizarre zu entdecken, Tragisches sachlich und doch nachhaltig zu verarbeiten, gelingt ihr wieder ein liebenswerter Roman, der eine Fortsetzung nicht ausschließt. Denn das Schlusswort «Ende» enthält in Klammern den Zusatz: «fürs erste».

Frauke Kaberka, dpa
29.09.2008

 
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Das Buch:

Isabel Allende: Das Siegel der Tage. Aus dem Spanischen von Svenja Becker

Bild: Buchcover Isabel Allende, Das Siegel der Tage

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
410 S., € 19,80
ISBN: 978-3-518-42010-2

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