Romane

Streitgespräche ohne Dialog: «Krematorium» besteht nur aus Monologen

Im «Krematorium» des spanischen Autors Rafael Chirbes verbrennt nicht nur ein Toter. Das Beziehungsgeflecht einer ganzen Familie wird zerstört oder im Feuer geläutert. Die Echt- Zeit dieses Romans umfasst einen einzigen Tag: den Zeitraum von der Todesstunde bis zur Einäscherung. Doch in ihren inneren Monologen jener Stunden beleuchten Verwandte und Freunde des Verstorbenen das gesamte Leben der Familie Bertomeu.

Chirbes Roman - ausgezeichnet mit dem Spanischen Nationalpreis 2008 - erinnert stilistisch entfernt an den des Portugiesen António Lobo Antunes: Es gibt im engeren Sinn keinen Erzähler und keine Handlung, nur Personen, die ihren Gedanken nachhängen. Nach und nach formen diese inneren Monolog die Charaktere, schälen sich aus den Erinnerungen Geschichten heraus.

Die Hauptstimme in diesem Chor ist der Bruder des Verstorbenen, Rubén Bertomeu, Bauunternehmer und Architekt. Um zum Immobilien-Mogul der fiktiven Küsten-Stadt Misent aufsteigen zu können, schmuggelt er Drogen, besticht Freunde und bedroht Feinde. Als Jugendlicher wollte er mit seinen Künstlerfreunden die Welt retten; im mittleren Alter frönte er dem feinsinnigen Kunstgenuss; im Alter heiratete er eine Frau, die so alt ist wie seine Enkelkinder und gerne shoppen geht.

Kein größerer Gegensatz ist denkbar als der zu seinem Bruder Matías, der just an jenem Morgen an Krebs starb. Nach Jahren als linker Revoluzzer wurde er Eremit und Öko-Bauer. Das Landgut der Familie verkaufte er selbst dann nicht an den Bruder, als die Orangenhaine zu einer grünen Insel inmitten der Betonwüste geworden waren. Matías hat als einziger in diesem Chor keine eigene Stimme, doch als dominierende Figur ist er in den Monologen aller Sprecher präsent.

Nachhaltig prägte Matías das Leben seiner Nichte Silvia, die den Onkel einst abgöttisch liebte. Den Vater hat sie enttäuscht, weil sie nicht selbst etwas Künstlerisches erschuf, sondern Restauratorin wurde - eine Art Putzfrau der Kunstgeschichte, wie der Vater findet.

Der eine baut, der andere bewahrt, die dritte restauriert - in diesem Dreieck bewegt sich ein Teil des Diskurses, den die Figuren miteinander führen, ohne sich zu unterhalten. Aber das ist nur eine Ebene dieses komplexen Romans. Ebenso geht es um Krankheit und Altern, um Besitz und Loslassenkönnen, um Familienbande und Einsamkeit, um Sex und Besessenheit. Rubéns «Mann fürs Grobe» liebt eine Hure, die ihn hinhält. Das wiederum ist ihrem Zuhälter ein Dorn im Auge, der Collado mit einer Autobombe einen Denkzettel verpasst.

Auch sprachlich ist das von Dagmar Ploetz übersetzte Buch voller irritierender Gegensätze: einerseits die sprachliche Drastik mancher Szenen aus dem Rotlicht-Milieu, andererseits die vielen literarischen, musikalischen und kunsthistorischen Verweise, die Chirbes umfassende Bildung dokumentieren.

Sandra Trauner, dpa
08.09.2008

 
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Das Buch:

Rafael Chirbes:
Krematorium. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz

Bild: Buchcover Rafael Chirbes, Krematorium

München: Verlag Antje Kunstmann 2008
428 S., € 22,00
ISBN: 978-3-88897-521-9

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