Romane

Monströse Aufklärung einer Explosion - «Reue» von Susan Choi

«Ah, wie gut.» Als die Briefbombe in seinem Nachbarzimmer hochgeht, erfüllt ihn für einen flüchtigen Moment dieses Glücksgefühl. Was danach folgt, ist die nicht vergehende Scham über seine «grauenvolle Freude». Mit dem Opfer, dem umtriebigen und beliebten Medienforscher Rick Hendley, der so etwas wie die neue Universitäts-Elite verkörpert, verbindet Mathematikprofessor Lee, kurz vor der Pensionierung und einzelgängerisch, lediglich eins: Beide lehren an einer zweitklassigen Hochschule in einer mittelamerikanischen Kleinstadt. Sie haben sich einfach nichts zu sagen. Ihm jedoch den Tod nur zu wünschen, daran hätte Lee natürlich nie gedacht. Aber wer glaubt ihm nach dem Mordanschlag noch sein Mitgefühl?

«Reue» nennt die amerikanische Autorin Susan Choi ihren neuesten Roman, in dem sie spannend und nicht ohne Ironie die monströse Aufklärung des verbrecherischen Anschlags beschreibt. Reue steht in gewisser Weise als Synonym für Versagen schlechthin, für das private Versagen einzelner Personen bis hin zur politischen Deformation. In einer Mischung von Charakterbeschreibung und Kriminalstück zeigt Choi recht deutlich auf gewisse paranoide Erscheinungen in der amerikanischen Gesellschaft nach dem 11. September 2001. Rechtsunsicherheit, Moralverlust und purer Aktionismus sind im Kampf gegen den internationalen Terror die ungeeignetsten Mittel. Die Hauptfigur, der bis dato unbescholtene Professor Lee, liefert den zwingenden Beweis dafür.

Urplötzlich sieht sich Lee mit dem Verdacht konfrontiert, kein echter Amerikaner zu sein. Als junger Mann wanderte er aus einem asiatischen Land ein. Den «fernöstlichen Prinzen» haben ihn damals seine Mitstudenten voller Bewunderung genannt. Jetzt umlagern die Medien auf Jagd nach einer Story sein bescheidenes Heim. Nachbarn wissen über den irgendwie anders aussehenden Mann mehr zu berichten, als er selbst über sich weiß. Und dann ist da noch das FBI mit demütigenden Verhören, Hausdurchsuchung und fortgesetzter Ausspähung. Nichts scheint einfacher als aus einem «Beinahe-Opfer» - schließlich saß Lee mit Hendley Wand an Wand, und der Anschlag hätte ebenso ihn treffen können - einen verdächtigen Lügner zu machen und ihn sogar zum Kriminellen zu stempeln.

Lees Leben gerät mehr und mehr aus den Fugen. Obwohl längst zum Angstbündel mutiert, nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand. Nach Erhalt eines anonymen Briefes ist er fest davon überzeugt, den Täter zu kennen: Lewis Gaither, ein ehemaliger Mitstudent, dem er die Ehefrau ausspannt. Leider ist der «fanatisch irre Christ» bereits zehn Jahre tot, weiß der Geheimdienst. Schließlich stellt Lee nach einer abenteuerlichen Autofahrt quer durch die USA doch den wahren Täter. Der «Elite-Killer» entpuppt sich als ein einst gepriesenes Forschertalent. Seine Wahnsinnsidee: Er will die Welt vor neuen technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen bewahren. Den Briefbombenmord betrachtet er als eine Art später Reue. Mit ihrem Roman stellt sich Choi als eine der wichtigsten Autorinnen aus den USA vor, die in einem Atemzug mit Don DeLillo oder Philip Roth genannt wird.

Irma Weinreich, dpa
01.09.2008

 
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Das Buch:

Susan Choi:
Reue. Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn

Bild: Buchcover Susan Choi, Reue

Berlin: Aufbau Verlag 2008
480 S., € 19,95
ISBN: 978-3-351-03239-5

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