Romane

Coetzees «Tagebuch» - Lesestoff und Gedanken über Gott und die Welt

Mit seinem neuesten Werk «Tagebuch eines schlimmen Jahres» stellt J. M. Coetzee seine Leser gleich zu Beginn vor eine große Herausforderung: Wie ist das Buch zu lesen? Denn Coetzee teilt jede seiner Buchseiten zunächst in zwei, dann in drei Abschnitte, die er klar und deutlich mit horizontalen Strichen voneinander abgrenzt. Es ist ein Spiel mit drei Stimmen, in dem der 68 Jahre alte Literaturnobelpreisträger von einem weltberühmten Autor erzählt, der für einen Sammelband eines deutschen Verlages Essays mit Ansichten über die Welt verfasst. Diese lässt er von der jungen hübschen Anya abtippen. So knapp die Geschichte. Und hat man sich auf die experimentelle Lesart eingelassen (und variiert dabei mitunter) - dann wird Coetzees «Tagebuch» zu einem spannenden Lesevergnügen.

Im oberen Teil stehen die Essays - «Ansichten» wie der weltberühmte Autor, der deutliche Parallelen zu Coetzee aufweist, sie nennt. Die mittleren Abschnitte erzählen von den Begegnungen der Hauptfigur J.C. mit der jungen, hübschen, ein wenig schlichten Anya, die für ihn die diktierten Essays abtippt. Im unteren Teil dann sind die meist spöttisch-mitleidigen Bemerkungen Anyas über ihren Arbeitgeber zu lesen und ihre Gespräche über ihren neuen Arbeitgeber mit ihrem eifersüchtigen Partner Alan. Anya ist sich ihrer Wirkung auf den alten, resignierten Mann durchaus bewusst.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die oberen Teile die anstrengenden (und längsten) sind. Mal lässt sich der Autor über den Anarchismus aus, mal über «Al Quaida», ein anderes Mal ist der Essay mit «Über den Wettbewerb» überschrieben. Das ist mitunter ein wenig mühsam. Die im Plauderton erzählten beiden unteren Teile scheinen da auf den ersten Blick ein nur allzu starker Kontrast. Doch nach und nach werden die Parallelen zwischen den nüchtern und hochphilosophischen Ansichten und dem Leben und Gesprächen zwischen J.C., Anya und dessen Lebensgefährten deutlich.

Und nicht nur das. Denn je verbundener - nicht erotischer - das Verhältnis zwischen J.C. und Anya wird, desto lebensnäher werden die Essays, desto weniger dogmatisch der resignierte Autor. «Wenn ich ehrlich sein soll, die festen Ansichten über Politik und so weiter waren nicht ihr Bestes», sagt Anya zum Schluss zu der Hauptfigur. «Doch ich hoffe, dass Sie eines Tages Ihre sanften Ansichten veröffentlichen werden», plappert sie weiter und spricht damit sicher so manchem Leser aus der Seele.

Mit «Tagebuch eines schlimmen Jahres» ist dem südafrikanischen Nobelpreisträger, der seit einigen Jahren in Australien lebt (ganz wie sein Protagonist), wieder ein extrem experimentelles Buch gelungen. Besonders die Verknüpfung der Erzählweisen und -techniken macht diesen großartigen Roman so spannend und lesenswert.

Britta Schmeis, dpa
02.06.2008

 
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Das Buch:

J.M. Coetzee:
Tagebuch eines schlimmen Jahres

Bild: Buchcover J.M. Coetzee, Tagebuch eines schlimmen Jahres

Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2008
235 S., € 19,90
ISBN 978-3-100-10834-0

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