Romane

Mögliche Unmöglichkeiten

Was für ein schönes, unschuldiges - fast möchte man sagen - unbedarftes Gesicht! Dieses Gesicht des 1984 geborenen Ukrainers Ljubko Deresch. Und dann dieses Buch "Intent! oder Die Spiegel des Todes". Das will so gar nicht zueinander passen. Mal abgesehen von dem allzu prätentiösen Titel. Das passt zu dem milchgesichtigen Jungspund!

"Intent! oder Die Spiegel des Todes" ist bereits das dritte Buch des Erzählers bei Suhrkamp. Mit Sicherheit ist es das bisher bedeutendste. Wahrlich keine Teenagerprosa. Keine spätpubertierende Selbstgefälligkeitsliteratur. Das ist die Literatur eines jugendlichen Schreibers, der sich dutzend-kumpelhaft an die Seite seiner, wie er sagt, "Leserinnen und Leser", stellt, um die dann immer mehr zu fordern und zu überfordern. Vorausgesetzt, Deresch denkt an die Leser seiner Generation. Generell sind die sicher noch nicht soweit, sich in der Gedankenwelt anzusiedeln und zurechtzufinden, die die Welt des Romans ist. In vielen Teilen die Welt eines Schülers, eines jungen Mannes, der seine sterbende Großmutter pflegt, der als Kellner jobt. Eine Welt, die Jugendlichen bekannt genug ist, und für die der Ukrainer das globale Jugendvokabular hat, das schon seiner Elterngeneration wenig geläufig sein dürfte. Die alltägliche, simple Welt, die so lax-schnoddrig – doch gekonnt – geschildert wird, ist nur die eine, in der der zwanzigjährige Petro, der Ich-Erzähler des Romans, existiert. Ein phänomenales Gedächtnis öffnet ihm Möglichkeiten der unmöglichen Art. Nicht allein mit der Gewissheit "Ich weiß nicht, wer ich bin." nimmt er wahr, wer er sein könnte. Dann, wenn er wahrnimmt, was noch nicht geschehen ist. Wenn er sich fortwährend damit auseinandersetzt, ob die oberflächliche Wahrnehmung der Welt die wirkliche Wirklichkeit ist. Wenn er spürt, das alles Existierende und alle Existierenden ohne Tiefe sind, er jedoch etwas von der Tiefe in sich ahnt. Das Geheimnisvolle, Rätselhafte begreift er, in der lustbetonten Liebesbeziehung mit einer Malerin, ist in dem empfundenen Bild der Welt und nicht im Tatsächlichen.

Dem schlacksigen Jugend-Stil des Schreibers folgt unmittelbar – und manchmal fließend ineinander übergehend – die Prosa eines philosophierenden Pamphletisten, der seine Idee von der möglichen, erweiterten, entgrenzten Welt verficht. Dichte Dialoge werden abgelöst – oder korrespondieren – mit witzreichen erzählerischen Episoden. Die Leser müssen sich ständig um- und einstellen. Auf immer neue Stichworte, die auftauchen wie per Klick beim Computer. Sprunghaftigkeit ist die Disziplin des Romans. Offensichtlich hat der Denker Deresch Spaß, seine Welt-An-Schauungs-Modelle am Computer durchzuspielen, um sie dann in der massiven Form des Buches vorzusetzen. Woher hat der junge Mann das, was er da erzählt, und wie er das erzählt? Das ist nur eine Frage, an der die Leser von Ljubko Deresch´s Roman "Intent! oder Die Spiegel des Todes" zu kauen haben. Langsam kauen  fördert das Vergnügen und Verdauen. Den Milchgesichtern mehr zutrauen heißt, sich mehr zuzumuten!

Bernd Heimberger
26.05.2008

 
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Das Buch:

Ljubko Deresch:
Intent! oder die Spiegel des Todes.

Bild: Buchcover Ljubko Deresch, Intent! oder die Spiegel des Todes

Frankfurt am Main:
Suhrkamp Verlag 2008
320 Seiten, € 12,-
ISBN: 978-3-518-12536-6

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