Romane
Das brillante Debüt einer großen neuen Stimme aus England
Noch bevor er richtig laufen konnte, probiert sich unser namenlose Protagonist am Klavier. Er braucht Musik wie andere die Luft zum Atmen. Sein virtuoses Spiel am Fagott bringt ihn schließlich an die Universität Cambridge - für ihn die Erfüllung all seiner Hoffnungen. Doch der Traum bekommt schnell Risse: Die Traditionen wirken fremd, die unausgesprochenen Regeln schüchtern ihn ein. Er trägt die falsche Kleidung und ihm fehlen die Mittel für Champagnernächte oder ausschweifende Wochenenden. Kaum auf dem Campus angekommen, fühlt er sich wie ein Fremdkörper. Alles scheint den anderen vertraut: das Kahnfahren auf der Themse, die hitzigen Debatten über Politik, teurer Wein, elegante Garderobe. Nur er bleibt außen vor. Bis er Bryn Cavendish begegnet. Bryn ist der Mittelpunkt jeder Party, ein begnadeter Illusionist und charismatischer Rebell.
Wer zu Bryns Kreis gehört, lebt frei von Regeln und Grenzen. Wer aber ausgeschlossen wird, ist ein Niemand. Geblendet von diesem Glanz, versucht der junge Mann verzweifelt dazuzugehören. Und tatsächlich gelingt ihm der Zutritt zum inneren Zirkel. Doch bald erkennt er, dass hinter dem Schein ein Abgrund lauert. Je weiter das Studienjahr voranschreitet, desto dunkler wird Bryns Aura. Und eine Frage wird immer drängender: Ist Bryn wirklich nur charmant? Oder lauert hinter seinem Lächeln eine eiskalte Wut, die unberechenbar ist? Immer mehr Risse machen sich an der perfekten Fassade Bryns erkennbar. Plötzlich ist das Leben des jungen Mannes geprägt durch beiläufig hingeworfene Bemerkungen, subtile Machtspiele und unausgesprochene Drohungen. Bryn spielt mit Menschen wie mit Karten. Und jene, die sich ihm entgegenstellen, trifft eine kalte Grausamkeit. Als der junge Mann eines Tages selbst in Ungnade fällt, nimmt das Unglück seinen Lauf ...
Die Sensation eines Debütromans - nicht mehr, aber auch nicht weniger gelingt Kate van der Borgh mit "Wenn die Masken fallen". Was man hier in die Hände bekommt, ist Erzählkunst auf allerhöchstem Niveau und damit nur äußerst schwer zu toppen. Nach nur wenigen Sätzen fühlt man sich ganz high von der Story, als wäre man auf Drogen. Unter den Neuerscheinungen 2025 ist die vorliegende eine von der Kategorie "unschlagbar-genialst"; und das ist noch untertrieben. Man liest die Seiten mit heftig klopfendem Herzen, wie in einem Rausch ohnegleichen. Und ist ziemlich enttäuscht, dass dieses Lektüreerlebnis viel zu schnell wieder zu Ende ist. Wie eine besonders wilde Achterbahnfahrt, die man am liebsten immer und immer wieder machen will. Hoffentlich bleibt es bei der Engländerin nicht bei einem One-Hit-Wonder!
Der internationale Literaturhimmel ist voller leuchtender Autorensterne, aber der von Kate van der Borgh überstrahlt sie (fast) alle. Mit "Wenn die Masken fallen" hat die Britin ein Debüt geschrieben, das einen glatt vom Hocker haut. Es liest sich wie das intime Tagebuch eines jungen Mannes; als wäre man ein Voyeur, der durch ein Schlüsselloch in das Leben des Protagonisten sieht, es genauestens beobachtet und dabei aufs Grandioseste unterhalten wird. Solch ein Lektüregenuss ist von größter Seltenheit im Bücherregal. Definitiv ein Geniestreich!
Susann Fleischer
15.09.2025
