Romane

«Jedes Wort gedreht»: Ulla Berkéwicz Auseinandersetzung mit dem Tod

Fünf Jahre lang hat Ulla Berkéwicz «jedes Wort gedreht und gewendet wie für ein Gedicht». Das Ergebnis - ihr Buch «Überlebnis» - wertete sie in einem Interview selbst als Versuch, «das, was sprachlos macht, in die Sprache heimzuholen». Mit emotionaler Wucht und seltenen, manchmal auch seltsamen Wortschöpfungen hat sich die Schriftstellerin und Verlegerin die Trauer um ihren 2002 gestorbenen Mann, den Leiter des Frankfurter Suhrkamp Verlags Karl Siegfried Unseld, von der Seele geschrieben - und damit zwiespältige Gefühle ihrer Leser geweckt.

Die verbindende Liebe und der trennende Tod sind die Pole, zwischen denen sich die Ich-Erzählerin aufgerieben fühlt, seitdem «der Mann» schwer erkrankt ist. In der Phase, bevor der «Spalt» endgültig aufreißt und der Tod, jener «Fehler», eintritt, erlebt sie, wie «alte Wildheits- und Grausamkeitsvorstellungen unter der Maske der medizinischem Technik» fröhliche Urständ feiern. Denn der Kranke wird in die High-Tech-Abteilung einer Hochleistungsklinik eingeliefert und ist damit den Schikanen bösartiger Pfleger und allmächtiger Ärzte ausgesetzt.

«Ein Fingerhäkchen hängt in der Luft, bewegt sich hin und her,sagt: Komm, komm, komm!», beobachtet die hilflose Frau aus einer Ecke des Krankenzimmers. «Der Mann ist jetzt ein Fall, Fälle sind rechtlos, sind entmündigt. Doch wenn seine Begleitung das Recht bekommt auf ein Beiseite, dann muß sie springen, sich ans Häkchen hängen, sonst schluckt der Arztmund jedes Recht, auch das auf letzten Lebenswillen, malmt es, verdaut es, scheidet es serienmäßig als Abgang aus.»

Überhaupt sind die Passagen über den Klinikaufenthalt des Mannes die eindringlichsten des Buches - vielleicht auch deswegen, weil sich Berkéwicz hier, anders als in ihren Exkursen zu Lebens- und Todesweisheiten, einer klaren, mitunter brutal-direkten Sprache bedient. Ihre Schockerfahrungen mit der Intensivmedizin haben in der Autorin eine «rasende Angst» geweckt, selbst einmal «in irgendwelchen Krankenhäusern, in denen uns das Zivilisationsunheil des Maschinenunwesens widerfährt, zugrunde zu gehen.»

Nicht als einen platten Schlüsselroman über den Tod ihres berühmten Mannes, sondern als «poetisches Unterfangen» will Berkéwicz ihr Buch verstanden wissen. Gleichwohl lebt es von den subjektiven Eindrücken, die sie am Ende ihrer Ehe gewinnen musste.  Die waren derart, dass sie ohne Rücksicht auf den guten Geschmack, manchmal übertrieben, manchmal ungerecht, oft aber auch - wie «Die Zeit» meint - beeindruckend «nackt, eindringlich offen und pulsierend» schreibt. Und die damit ihrer Forderung nach Raum für das Lieben wie für das Sterben eine leidenschaftliche Färbung verleiht.

Berkéwicz war rund zwölf Jahre mit Unseld verheiratet. Nach dessen Tod wurde sie in die Geschäftsführung seines Verlags berufen, den sie seit 2003 als dessen Nachfolgerin leitet. Sie verfasste bereits eine Reihe von Werken, unter anderem «Josef stirbt» aus dem Jahre 1982, in dem sie sich ebenfalls mit dem Sterben und dem Tod auseinandersetzt.

Susanna Gilbert, dpa
28.04.2008

 
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Das Buch:

Ulla Berkéwicz:
Überlebnis

Bild: Buchcover Ulla Berkéwicz, Überlebnis

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
139 S., € 14,80
ISBN-13: 978-3-5184-1955-7

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