Romane

Gewaltige Poesie: Fatahs Roman über einen Gotteskrieger

Von Glaubenskämpfen, Gotteskriegern und Gewalt erzählt der kurdisch-deutsche Autor Sherko Fatah in seinem ungewöhnlichen Roman «Das dunkle Schiff». Kerim, ein Koch aus dem Nordirak, ist der tragische Held der Geschichte, ein Wanderer zwischen den Welten und Kulturen, der als junger Mann von Gotteskriegern entführt wird, mit ihnen kämpft und mordet, sich dann absetzt und nach einer abenteuerlichen Reise in Berlin ein neues Leben aufbauen will. Das hoch gelobte Werk des in Ost-Berlin geborenen Schriftstellers lebt von der aufregenden Geschichte und der kraftvollen Poesie, mit der Schönheit und Brutalität in Kerims Leben gleichermaßen zum Ausdruck kommen.

Schon als Kind erlebt der Held alltägliche Gewalt in seinem Heimatland, das sich, seit er denken kann, im Krieg befindet. Der junge Alevit sieht, wie eine Gruppe Frauen in Hubschrauber getrieben und aus dem Himmel hinab geworfen wird; wie sie mit ausgebreiteten Armen im Licht glänzen und der Wind an ihren Gewändern reißt. Und er erlebt mit, wie sich sein Vater, eigentlich ein Meister der Anpassung, aus Empörung dem Wagen von zwei Geheimdienstlern entgegen stellt und von ihm überrollt wird. Kerim übernimmt das Lokal seines Vaters - nicht mehr als eine Hütte -, doch auf dem Weg zu den Großeltern wird er eines Tages wegen seines Autos von einigen Bewaffneten in schmutziger, erdfarbener Kleidung und langen Bärten gestoppt und in die unwirtlichen Berge verschleppt. Er bleibt bei den Gotteskriegern, mit denen er Anschläge verübt und deren Worten er lauscht: Keiner von uns allen muss leben!, hört er ihren Lehrer schreien. Nur die Ungläubigen können davon nicht lassen, denn das ist alles, was sie haben. Wir aber haben das Paradies.

Geschickt und spannungssteigernd spart Fatah jede Deutung aus, auch bleibt zunächst im Dunkeln, was Kerim selbst als Gotteskrieger getan hat, bevor er mit 6 000 Dollar in der Tasche in seinen Ort zurückkehrt, nur um bald darauf die Flucht in den gelobten Westen anzutreten, in ein Land, das grün und voller hoher Häuser war, mit Menschen, so weiß, als wären sie alle krank. Doch seine Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, sie lässt ihn selbst dann nicht los, als er nach einer lebensgefährlichen Seereise als blinder Passagier, nach seiner Entdeckung, der Aussetzung auf dem Meer und Rettung schließlich in Berlin landet und nach vielen Mühen als Asylbewerber anerkannt wird.

In einem fremden Land muss man mittelmäßig sein, rät ihm ein Cousin in der großen, kalten Stadt. Du lernst nur das Nötigste, und niemand neidet dir, was du erreichst. Doch ebenso wie sein Vater es nicht vermocht hat, sich vor den Lebensgefahren wegzuducken, schafft es der Sohn, alles hinter sich zu lassen. In seiner Einsamkeit und alle Vorsicht missachtend berichtet er einem Landsmann von der Begegnung mit einer Gebetsgruppe im Untergeschoss der Universität und von seinem Entschluss, sich dieser und nicht den normalen Gläubigen und Angepassten anzuschließen.

Bestsellerautor Ilija Trojanow würdigt den aspekte-Literatur- und Hilde-Domin-Preisträger Fatah als starken, noch unterschätzten Autor. Stark deshalb, so könnte man ergänzen, weil er ein überaus feines Gespür dafür besitzt, wie nah er seinen Figuren und der Handlung kommen darf. Er ergreift nirgendwo Partei und beschreibt selbst Kerim als Opfer und Täter zugleich. Fast allen Protagonisten begegnet er mit Respekt, die Gesichter der Gewalt versteht er bis ins kleinste Detail und ohne Effekthascherei zu spiegeln. Zudem kennt er das Land, über das er schreibt, schließlich lebt sein Vater im Nordirak. «Es hat lange gedauert», gestand er einmal, «bis ich eine Weise fand, über dieses zugleich Nahe und Ferne zu schreiben.»

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
31.03.2008

 
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Das Buch:

Sherko Fatah:
Das dunkle Schiff

Bild: Buchcover Sherko Fatah, Das dunkle Schiff

Salzburg/Wien: Verlag Jung und Jung 2008
439 S., € 22,00
ISBN: 978-3-902497-36-9

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