Romane

Von einem Mann auf der Suche nach seinem Platz im Leben

Dass Tobi eigentlich Tao heißt, wissen die wenigsten. Nur Miriam nennt ihn, wenn sie zu zweit sind, bei seinem chinesischen Namen. Miriam ist Tobis große Liebe. Mit ihr will er alt und grau werden. Sie allerdings nicht mit ihm. Als sie ihn verlässt, reist Tao mit dem Auto quer durch Europa, um der Trauer über die Trennung zu entkommen. Doch die Erinnerung an die gemeinsamen Jahre verfolgt ihn, und auch der Tod des Vaters lässt ihn nicht los: Vor Jahren verschwand der in Hongkong - auf der Suche nach dem Geburtsort des eigenen Vaters. Nun ist es Tao, der sich auf die Spuren seiner Vorfahren begibt und zu schreiben beginnt, um die eigene Geschichte zu ordnen und die seiner Familie, die von China über Indonesien bis nach Deutschland reicht.

Tao muss schon bald erkennen: Es ist eine Reise ins Ungewisse. Und dennoch muss er sie unternehmen. Denn die Fragen, die ständig in seinem Kopf kreisen, müssen endlich beantwortet werden; und zwar dort, wo seine Wurzeln sind. Die Suche nach seiner Herkunft führen Tao Kilometer für Kilometer zu sich selbst. Begleitet wird er dabei von Miriam, die jedoch nicht physisch, sondern lediglich in seinem Kopf anwesend ist. Je näher Tao seinem Ziel kommt, umso deutlicher wird ihm klar, dass die Beziehung mit Miriam keine längerfristige Zukunft gehabt hätte. Zu unterschiedlich waren sie, so verschieden ihre Vorstellungen vom leben, von Familie, von Liebe. Und so wird die Reise für Tao zu einer Chance, nämlich der für einen Neuanfang ...

Unterhaltung, die mit zum Besten gehört, was man im Bücherregal finden kann - was Yannic Han Biao Federer schreibt, macht nicht nur atem-, sondern darüber hinaus sprachlos. Seine Romane haben die Suchtwirkung von Drogen. Kaum "Tao" aufgeschlagen und die ersten Sätze gelesen, fühlt man sich regelrecht high von Federers Worten. "Held" Tao erobert jedes Leserherz im Sturm. Man lacht mit ihm, weint mit ihm und durchlebt bei der Lektüre eine besonders rasante Achterbahnfahrt der Emotionen. Nach der letzten Seite glaubt man, in Tao einen Freund gefunden zu haben. Sein Leben berührt einen, kommt einem sogar seltsam vertraut vor. Sind wir nicht alle auf der Suche nach unserem Platz im Leben? Da bleibt nur zu hoffen, dass Tao seinen tatsächlich findet.

Wie Yannic Han Biao Federer die Gefühle seiner Protagonisten dem Leser näherbringt, zeugt von ganz großem, geradezu grandiosestem erzählerischem Können. Sein schriftstellerisches Talent überstrahlt das der meisten Kollegen. Was er schreibt, muss man lesen. Unbedingt! "Tao" ist nicht mehr und nicht weniger als ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Von solch genialster Literatur wird einem ganz schwindelig!

Susann Fleischer 
07.03.2022

 
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Das Buch:

Yannic Han Biao Federer: Tao

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2022 190 S., 23,00 ISBN: 978-3-518-43052-1

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