Romane

Von der Gewalt der Vergangenheit und der Liebe der Gegenwart

Wenn Nike ihre Wohnung in Berlin-Mitte verlässt, muss sie am Stolperstein ihrer Urgroßmutter vorbei. Nike ist als Jüdin in Ostberlin aufgewachsen, jede Straße trägt Erinnerung, auch schmerzhafte, vor allem an die toxische Beziehung mit Sascha. Seit mehr als vierzehn Jahren sind Nike und er kein Paar mehr, aber die Wunden sind noch immer nicht verheilt. Nach einer Begegnung mit ihrem Ex beschließt Nike zu flüchten. Sie nimmt ein Jobangebot in Tel Aviv an. Die israelische Hauptstadt ist eine vollkommen andere Welt, als Nike sie bisher kannte. Sie hat zu kämpfen. Doch es lohnt sich, denn Tel Aviv erweist sich als Chance für einen Neubeginn. Nike kann endlich vergessen, endlich loslassen und wird so vielleicht ihr Glück finden.

Dort trifft sie Noam. Noam ist ein in Israel lebender 40-jähriger Mann. Seine Mutter, eine deutsche Jüdin, hat die Familie verlassen und der Vater ist gestorben. Sein Onkel zog ihn auf. Allerdings mehr schlecht als recht. Noam hat nie richtig Fuß gefasst. Keine Beziehungen und kein Dauerjob. Als Kolumnist wurde er bekannt, aber auch das wirft er hin. Beide haben einiges gemeinsam: Erfahrungen von Gewalt und Vertrauensmissbrauch machen funktionierende Beziehungen nahezu zu einem Ding der Unmöglichkeit. Zwei verwandte Seelen. Nike lässt ihn in ihr Leben, als ersten Mann seit Jahren. Doch zwischen ihr und Noam steht Noams Onkel Asher. Der ist vereinnahmend und brutal und setzt alles daran, dass Nike aus Noams Leben verschwindet.

Furchtlos und berührend erzählt Mirna Funk von der Gewalt, die in Nikes und Noams Familiengeschichten steckt. Wie leben sie mit ihren individuellen Bruchstellen? Und wie können sie einander lieben? Zwei Charaktere, die geprägt und verwundet versuchen, ihre Entscheidungen zu treffen, ihre Wege zu gehen, ihr Leben zu leben ...

Unterhaltung mit der berauschenden Wirkung von Drogen - nichts macht so sehr, außerdem genialst high wie die Geschichten einer Mirna Funk. Deren Lektüre begleitet einen durch sämtlichen Höhen und Tiefen des Lebens, berühren das Herz und bringen einen zum Nachdenken; insbesondere weil diese so echt verfasst sind. "Zwischen Du und Ich" zu lesen, bedeutet Genuss pur. Die Story ermöglicht dem Leser einen Blick in die wahre jüdische Seele und ist ganz nah an den Figuren dran; ganz so als besuche man zusammen mit Protagonistin Nike Israel, wandelt mit ihr durch Tel Avivs Straßen und spüre ihr Leid als wäre als das eigene. Funk erweist sich als über aus begnadetes Schriftstellergenie. Ihr Können bringt einen schier zum Ausflippen!

Es bedarf nicht vieler Worte, um Mirna Funks Erzählstil zu beschreiben: schonungslos, ehrlich, ohne Tabus und dennoch hochemotional. Kein Wunder, dass man diesem gleich ab dem ersten Satz erliegt. Die deutsche Autorin ist ein Talent, das seinesgleichen sucht. "Zwischen Du und Ich" ist unfassbar gut geschrieben, definitiv ein Juwel im Bücherregal. Von solch grandioser Literatur wird einem regelrecht schwindelig. Und es haut einen glatt um. Diese sollte man hüten wie einen Schatz!

Susann Fleischer 
15.11.2021

 
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Das Buch:

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

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Mnchen dtv 2021 304 S., 22,00 ISBN: 978-3-423-28267-3

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