Romane

Die Fortsetzung von «Die Säulen der Erde»

Ganze 18 Jahre mussten wir auf diese Fortsetzung warten, für die Ken Follett im Vorhinein schon 49 Millionen Euro kassiert haben soll. Doch es hat sich gelohnt! Auf wunderschönem Leineneinband mit hauchdünnem Papier und Lesebändchen präsentiert er uns ein Meisterwerk, das allerdings anders als «Die Säulen der Erde» daherkommt. «Ich konnte keinen weiteren Roman über den Bau einer Kathedrale schreiben, denn das wäre dasselbe Buch gewesen», sagt Ken Follett. Er schreibt in seinem neuen historischen Roman «Die Tore der Welt» von derselben fiktiven englischen Stadt Kingsbridge. Der Roman ist etwa zweihundert Jahre später angesiedelt und handelt von den Nachkommen der Hauptfiguren seines ersten Romans. Die Kathedrale und die Priorei sind zwar erneut zentrale Orte der Geschichte um die großen Gefühle der beschriebenen Personen, doch finden wir die Geschichte eher dezentral erzählt, gebunden an die jeweiligen beschriebenen Personen. Das Wohl und Wehe auch der Stadt steht insgesamt eher im Vordergrund.

Es beginnt im Jahre 1327. Vier Kinder aus Kingsbridge flüchten aus dem Trubel der Feierlichkeiten am Tag nach Allerheiligen in ein nahe gelegenes Waldstück. Sie werden Zeugen und Beteiligte eines tödlich verlaufenden Kampfes zwischen dem jungen Ritter Thomas und seinen gräflichen Verfolgern. Merthin, ein Nachfahre von Jack Builder, dem Erbauer der Kathedrale, dessen baumeisterliche Fähigkeiten er geerbt hat, und sein starker Bruder Ralf, der Ritter werden will, sowie Caris, Tochter eines reichen Wollhändlers, die den Traum hat, Menschen zu heilen, und Gwenda, deren Vater Tagelöhner ist und die ihrer großen Liebe nachläuft, verbindet dieses Geheimnis ihr Leben lang. Und da ist Caris Vetter Godwyn, ein junger Mönch und fest entschlossen, Prior von Kingsbridge zu werden. Unterstützt wird er von Philemon, Gwendas skrupellosem Bruder. Ehrgeiz und Liebe, Stolz und Rache werden das Leben all dieser Menschen bestimmen. Glück und Unglück werden sie begleiten. Der Schwarze Tod, die Pest, wird sie und Kingsbridge mehrmals schwer treffen. Einige werden überleben und später einen Neubeginn wagen.

Gewaltige Geschichte

Ken Follet, begnadeter Bestsellerautor, hat auch seinen neuen gewaltigen Historienroman im Mittelalter angesiedelt. Er beschreibt die zentralen Themen der damaligen Zeit. Leben und Überleben oder Aufstieg und Fall hängen ursächlich mit der Geburt in die adligen, reichen oder abhängigen, ärmlichen Verhältnisse ab, doch spielen im Roman auch Ehrgeiz und Überlebenswille eine große Rolle. Wie ein drückendes Joch wirkt die Gewalt von Adel und Klerus. Frauen und Landarbeiter haben es besonders schwer, doch schwingen sie sich im Roman zu ungeahnten Höhen auf. Ihr Leben ist zwar von Unterordnung und Gehorsam gekennzeichnet und ihre wenigen Rechte gelten im Zweifel nichts, doch finden sich in der Fiktion immer Mittel und Wege zur Veränderung. Die große Pestwelle im Europa des 14. Jahrhunderts, die sich über die Handelswege rasend schnell auch in England ausbreitet, wird schließlich ab Mitte des Romans zur zentralen Geschichte. Die Hälfte der Bevölkerung wird ausgelöscht, niemand weiß sich dagegen zu wehren. Die gesellschaftlichen Regeln gelten angesichts des nahen Todes nicht mehr und gerade dadurch werden die wahren Charaktere offenbar.

Ken Follett gelingt ein opulentes Meisterstück auf fast 1300 Seiten. Eine klar gegliederte, schnelle, gut lesbare Schreibe, wie man es von Follett gewohnt ist, zeichnet auch dieses Werk aus. Der Erzählstrang knüpft immer wieder an König Edwards II. merkwürdigen Todesfall und die geheimnisvolle Kampfszene des Ritters Thomas an – doch eher nebenbei. Zeitlich entwickelt auf vielen Nebenschauplätzen orientiert er sich an der Entwicklung der Hauptfiguren. Präzise werden sie und ihre Schicksale beschrieben. Ihre charakterlichen Eigenarten sind gut erkennbar und werden stetig weiterentwickelt - bis ins Detail. Auch ihre Gefühle sind gut nachempfindbar. Ausführlich und scharf, fast mäandernd bis ins Kleinste erzählt, erlebt der Leser jede dargestellte Szene fast so, als sei er gerade selbst Teil davon. Manchmal möchte man es gar nicht so genau haben. Sexszenen, aber auch grausame „Kleinigkeiten“ hätten ruhig oberflächlicher bleiben können, während fiktive Erfolge der Hauptpersonen zu glatt und historisch kaum nachvollziehbar scheinen. Dennoch: Das Buch ist so spannend geschrieben, dass man Nächte durchlesen möchte und auch Tage danach noch davon träumt.

Angela Lorenz-Ridderbecks
31.03.2008

Ein Interview mit Ken Follett finden Sie hier

 
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Das Buch:

Ken Follett:
Die Tore der Welt

Bild: Buchcover Ken Follett, Die Tore der Welt

Bergisch Gladbach: Gustav-Lübbe-Verlag 2008
1294 S., € 24,95
ISBN: 978-3-7857-2316-6

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